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Simon Grab

music, soundart

Wie erklärst du einem Kind, aus was deine Arbeit besteht?

Ich nehme Musikinstrumente und mache damit, was ich eigentlich nicht machen dürfte: Ich benutze sie als einfache Spielzeuge und mache damit extra Fehler, woraus dann häufig Lärm entsteht, so richtig lauter Krach. Und diesen Krach nenne ich dann Musik. Meine Musik spiele ich häufig zusammen mit anderen Menschen. Ich schaue dann, wie sie darauf reagieren, wie zum Beispiel eine Schlagzeugerin dazu trommelt, wie eine Rapperin dazu Wörter erfindet, oder wie sich ein Tänzer dazu bewegt. Das Publikum ist manchmal etwas überrascht, weil sie so etwas vielleicht noch nie gehört haben. Einige rennen gleich raus, weil sie das zu komisch finden. Und die, die bleiben, hören und schauen aufmerksam zu. Für sie ist es ein spezielles Erlebnis. Sie erleben etwas Aussergewöhnliches: Etwas, was sie bisher nicht schön fanden - wie zum Beispiel Lärm - nehmen sie plötzlich als etwas Schönes wahr. Mein Krach ist nämlich beim genauen Hinhören richtig schöne Musik... Und psssst, manchmal ist Krach machen auch einfach lustig! Da ist es mir dann auch völlig egal, was Andere dazu denken :)

Wieviel hat das was du aktuell tust mit deinem Studium zu tun?

Transdisziplinarität war schon immer ein wichtiger Ansatz in meiner Arbeit. Das Studium gab mir die Möglichkeit, die eigene Praxis zu reflektieren und diese zuzuspitzen. In der aktuellen Arbeit zeigt sich dies in der Art und Weise, wie ich mit Menschen aus anderen Disziplinen zusammenarbeite, wie ich andere Perspektiven integriere, und ich mich an anderen Denkweisen reibe. Der Brückenschlag zu transkulturellen Ansätzen finde ich zur Zeit sehr fruchtbar und anregend, in beide Richtungen. Transdisziplinär zu arbeiten und denken hat für mich viel mit einer egalitären und demokratischen Haltung zu tun, beinhaltet also immer einen gesellschaftlichen und ethischen Aspekt. Verschiedene Ansätze werden reflektiert und auf Augenhöhe verhandelt.

Was beschäftigt dich momentan am meisten?

Die Einsicht, dass der Mensch als Spezies zu nichts taugt, und ich trotzdem eine persönliche Dringlichkeit verspüre - auch aus Verantwortung meinen Kindern gegenüber - für ein menschenwürdiges Dasein für Alle einzustehen, mit Respekt vor diesem Planeten. Dass wir mit geballtem Egoismus alles an die Wand fahren, ist kurzsichtig und unvernünftig.

Fühlst du dich zu einer bestimmten Szene zugehörig?

Nein, das fand ich schon immer suspekt. Aber natürlich bewege ich mich auch in Szenen. Szenen interessieren mich dann, wenn sie sich nicht über ihre Abgrenzung definieren, sondern sich durch ihre Offenheit und brüchigen Schnittstellen auszeichnen. Der Begriff des Netzwerks finde ich im sozialen Miteinander fast wichtiger. Ein Netz kann dich auffangen, und dich über verschiedene Anknüpfungspunkte mit Anderen verbinden. Jeder Knotenpunkt ist im Gefüge relevant.

Wer oder was inspiriert dich?

Alle und Alles, auch das Nichts.

Welche Räume brauchst du, welche braucht deine (Praxis)?

Ruhige Denk- und Reflexionsräume, egal ob draussen oder drinnen, in denen ich alleine sein kann und nicht abgelenkt werde. Soziale Räume in denen ein konstruktiver und emotionaler Austausch stattfindet. Urbane Räume, die globale Zusammenhänge offenlegen. Und unendlich viele Freiräume, in allen denkbaren und noch zu definierenden Formen.

In welcher Form arbeitest du mit anderen zusammen?

Das hängt vom Projekt ab. Im Konzert Kontext arbeite ich zur Zeit gerne in Duo Formationen. Bei eher konzeptuellen Arbeiten führe ich im Vorfeld auch mal Interviews mit Menschen aus anderen Disziplinen, zb der Philosophie, der Hirnforschung, Chemie oder der Musikwissenschaft. Und in einem weiteren Projekt mit unterschiedlichen Künstler*innen gehen wir prozesshaft der Frage nach, wie kollektive Autor*innenschaft funktionieren könnte.

Wie funktioniert dein (berufliches) Netzwerk, welche Rolle spielt es im Alltag?

Mein Netzwerk besteht glücklicherweise fast ausschliesslich aus Freund*innen und respektvollen, vernünftigen Menschen, das über die Jahre gewachsen ist. Daraus entstehen künstlerische Projekte, gemeinsame Initiativen bis hin zu kommerziellen Aufträgen. Mir ist es wichtig, in welchem Kontext eine Zusammenarbeit oder ein Konzert stattfindet, welche ethischen Werte und politischen Haltungen vertreten sind. Ich muss hinter einem Projekt und zu den beteiligten Menschen stehen können.

Wo wärst du gern dabei oder vertreten?

Es gibt dermassen viele Optionen und Möglichkeiten, die genauso spannend wie mein aktuelles Leben wären. Ich peile aus dem Jetzt gewisse Dinge an, versuche das Leben so zu gestalten, wie ich und meine Familie es zur Zeit für richtig empfinden und versuche Dinge zu ändern, die für mich nicht mehr stimmen. Zudem bin ich tendenziell mit Arbeit überladen, deshalb bin ich eher froh, muss ich nicht noch woanders dabei sein.

Wie würdest du für dich Erfolg definieren?

Wenn ich durch kompromissloses Schaffen glücklich und zufrieden leben kann, wenn meine Musik Menschen emotional berührt und zum Denken anregt, wenn ich durch meine Arbeit einen bescheidenen Anteil zu einer besseren Welt beitragen kann.

Etwas das du aktuell vermisst? Etwas das du immer vermisst?

Ich vermisse den Willen zur Veränderung - auf persönlicher, lokaler wie auf globaler Ebene. Währenddem der Klimawandel nicht mehr abzustreiten ist und ein radikales Umdenken erfordert, sind wir hier immer noch in der Joghurtdeckeli Mentalität verhaftet. Der Kapitalismus hat grundsätzlich versagt, und wir in der Schweiz stimmen über einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ab, was schlichtweg peinlich ist. Und während der Prozess der weltweiten Dekolonisierung nun endlich angepackt werden sollte, drehen hier die Wirtschaftsverbände im roten Bereich, wenn nur schon ein Minimum an Verantwortung von multinationalen Konzernen in Bezug auf Menschenrechte verlangt wird. Das ist erbärmlich und zeigt, wie fest die Wirtschaftslobby die Politik in die Zange nehmen kann. Und trotzdem machen wir mit oder wir machen nichts, auch wenn unser Wohlstand und unsere Privilegien auf systematischer Ausbeutung Anderer beruht. Ich vermisse den Willen zum Umdenken.

Etwas das mich umhaut?

Liebe Hass

Was wärst du sonst geworden, wenn nicht …?

Wenn nicht Mensch, dann vielleicht ein Unkraut, ein Stein, oder ein Joghurtdeckeli.