Joana Kelén

Infografikerin

Wie erklärst du einem Kind, aus was deine Arbeit besteht?

Manche Informationen verstehen wir besser auf einem Bild als in einem langen Text. In meiner Arbeit setze ich mich mit vielen unterschiedlichen Themen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport usw. auseinander und erkläre diese Inhalte dann in möglichst einfachen Bildern, damit sie auch Menschen verstehen, die noch nicht viel Vorwissen zu diesem Thema haben. Meine erklärenden Bilder erscheinen in der ältesten noch erscheinenden Tageszeitung der Schweiz sowohl in der gedruckten Ausgabe als auch in der Online-Zeitung.

Wieviel hat das was du aktuell tust mit deinem Studium zu tun?

Sehr viel. Ich habe mich schon früh in meinem Studium auf Infografik spezialisiert und arbeite heute täglich damit. Auch meine freiberuflichen Aufträge haben meist mit Infografik und Datenvisualisierungen zu tun.

Was beschäftigt dich momentan am meisten?

Wie die meisten von uns beschäftigt mich zurzeit vor allem Corona, auch weil es auf so viele Lebensbereiche Einfluss nimmt. Bei der Arbeit ist COVID-19 seit Anfang des Jahres unser ständiger "Begleiter". Ohne das Leid und den Schaden, den es verursacht ausser Acht zu lassen, ist es interessant zu beobachten, wie die Fragen, die es aufwirft, und die Datenlage dazu sich eigentlich kontinuierlich verändern. Privat hat mich Corona nach sechs Jahren in Zürich nun endlich dazu bewegt, mir ein eigenes Velo zuzulegen und in diesen Tagen teste ich verschiedene Pedelecs aus. Das macht auf Dauer etwas mehr Spass, wenn man so halb auf dem Berg wohnt.

Fühlst du dich zu einer bestimmten Szene zugehörig?

Einer bestimmten Szene fühle ich mich nicht zugehörig, aber oft, wenn ich ins Ausland reise oder auch wenn ich in der Schweiz in andere Ecken komme, stelle ich fest, in was für einer Blase ich und viele andere in Zürich leben. (Fast) alles funktioniert, wir haben einen unglaublichen Komfort und eine sehr hohe Lebensqualität und es hilft wirklich, sich ab und zu bewusst zu machen, dass das alles nicht selbstverständlich ist.

Wer oder was inspiriert dich?

Ich finde es immer sehr spannend und inspirierend Geschichten von Menschen zu hören, die sich für etwas einsetzen oder für etwas kämpfen, das viel grösser ist als sie selbst, und dabei vielleicht sogar auf bestimmte Annehmlichkeiten wie finanzielle Sicherheit oder persönlichen Komfort verzichten. Ansonsten können viele Dinge wie Musik, Filme, Kunst, gutes Essen etc. Gefühle in mir auslösen und mich dadurch inspirieren.

Welche Räume brauchst du, welche braucht deine (Praxis)?

Ich habe das grosse Glück theoretisch eigentlich von überall auf der Welt arbeiten zu können. Ich brauche nur einen Laptop und eine funktionierende Internetverbindung.

In welcher Form arbeitest du mit anderen zusammen?

Für mich ist es immer sehr wichtig, im engen Austausch mit anderen zusammen zu arbeiten. Bei meiner Arbeit im Team von NZZ Visuals ergibt sich das eigentlich von selbst. Wir Infografiker haben oft Projekte zusammen mit unseren Datenjournalisten, Entwicklern und mit der gesamten Redaktion, die in einem gemeinsamen Prozess entstehen. Jeder bringt dabei seine Kompetenzen mit und in unserem Team achten wir besonders darauf, dass jeder vor allem in den Bereichen eingesetzt wird, wo die eigenen Stärken liegen. Wenn ich für selbstständige Projekte arbeite, ist mir der regelmässige Austausch mit dem Kunden sehr wichtig und ich hole mir auch immer wieder Feedback von befreundeten Grafikern ein. Gerade bei Infografiken hilft es auch sehr, die Arbeit immer wieder komplett Aussenstehenden zu zeigen, die nicht mit dem Thema vertraut sind und auch nicht im grafischen Bereich arbeiten. Dabei stellt sich schnell heraus, ob die Infografiken wirklich funktionieren und welche Aussagen daraus gelesen werden.

Wie funktioniert dein (berufliches) Netzwerk, welche Rolle spielt es im Alltag?

Ich treffe zum Teil Kollegen aus der Branche bei Meetups oder auf Konferenzen und zu einigen Kommilitonen aus dem Studium habe ich weiterhin regelmässigen Kontakt und arbeite auch immer wieder mal projektbezogen mit ihnen zusammen. Dieses Netzwerk ist für mich vor allem bei meiner freiberuflichen Arbeit von Bedeutung.

Wo wärst du gern dabei oder vertreten?

Im Club der Frühaufsteher.

Wie würdest du für dich Erfolg definieren?

Ich würde Erfolg für mich so definieren, dass es nur etwas sein kann, hinter dem ich auch persönlich stehe. Man kann ja mit etwas grossen Erfolg haben, weil es anderen gut gefällt oder gesellschaftlich hoch angesehen ist, obwohl man sich selbst nicht damit identifiziert. Das ist dann für mich kein richtiger Erfolg.

Etwas das du aktuell vermisst? Etwas das du immer vermisst?

Ich vermisse machmal ein bisschen die Spontanität in meinem Alltag. Vieles ist so durchgetaktet und das meiste wird von langer Hand geplant, seien es private Verabredungen und für Veranstaltungen und Restaurants sind Plätze oft wochenlang im Voraus ausgebucht. Man passt sich daran an und gewöhnt sich so daran, dass man irgendwann Angst hat, man könnte sonst etwas verpassen.

Etwas das mich umhaut?

Die Schweizer Natur, besonders die Berge. Komplett umsonst und gleichzeitig das Schönste, das man hier haben kann.

Was wärst du sonst geworden, wenn nicht …?

Ich konnte mir schon früh vorstellen, später einmal etwas im kreativen, gestalterischen Bereich zu machen. Mein Vater hatte eine Werbeagentur und so habe ich von klein auf viel von seinem Arbeitsalltag und auch vom Enstehungsprozess seiner Aufträge und eigenen Projekte mitbekommen. Nach dem Abitur habe ich über Praktika und Jobs neben dem Studium noch in ein paar andere Bereiche Einblicke erhalten, z.B. am Stockholmer Stadttheater in Szenografie oder in einer Münchner Agentur für Innenarchitektur und in einer Designagentur. Wenn ich heute nicht als Infografikerin arbeiten würde, wäre ich also womöglich Szenografin geworden. Wenn ich manchmal im Theater oder im Ballett bin, erinnere ich mich daran zurück und bin immer fasziniert, wie viel Wirkung erzeugt werden kann, mit zum Teil sehr einfach erscheinenden Mitteln wie Raum und Licht.

Welche Frage wird nie gestellt, sollte aber?

Es gibt vermutlich keine Frage, die noch nie gestellt wurde. Allein die grossen Philosophen haben über die Jahrhunderte versucht, alle denkbaren grossen Fragen des Daseins zu stellen und Antworten darauf zu finden. Ich finde, dass wir heute aber dazu neigen alles “in Frage zu stellen.” Das ist in vielen Bereichen sicher sinnvoll und gut, manchmal geht es meiner Ansicht nach aber auch etwas zu weit.