Projekt

Eine Version der Geschichte
Lisa-Katrina Mayer, Premiere Berlin Juni 2018, Premiere Zürich Oktober 2018

Projektart

Theater (Uraufführung)

Beteiligte

  • Marco Milling, Regie
  • Simone Kucher, Text
  • Simon Sramek, Bühne

Informationen

„Der Versuch, seine eigene Geschichte zu fassen, kann nur scheitern. Die eigene Geschichte entpuppt sich als Mosaik aus Geschichten und Erzählungen von anderen. Man ist wie in einem Resonanzraum fremder Stimmen gefangen. Das Stück erzählt von einer Suche nach Identität, nach Einheit der eigenen Geschichte im doppelten Sinn und dem Scheitern daran.“ Marco Milling

Von ihrem Bruder Sammy erhält die Violinistin Lusine ein geheimnisvolles Tonband. Eine helle Männerstimme ist darauf zu hören, sie ähnelt der ihres Grossvaters. Mit der Aufnahme beginnt eine unfreiwillige Reise in die von allen totgeschwiegene Vergangenheit. Die Mütter und Väter verstummen in dieser Geschichte oder verstellen ihre Stimme – wie der Wolf mit der Kreide in „Die sieben Geisslein“. Lusine stösst auf den Genozid an den Armeniern 1915, der bis heute als solcher vom türkischen Staat geleugnet wird. Auf welcher Seite standen die eigenen Grosseltern, auf welcher Seite steht sie selbst? Ob Wolf oder Geisslein wird auf einmal zur konkreten Frage, als ihr Dirigent Lusine bittet, in Berlin an einem Konzert gegen das Vergessen teilzunehmen. Als sie sich schliesslich doch entscheidet, gegen das Schweigen anzutreten – nicht nur in ihrer eigenen Familie – ist es vielleicht zu spät; die Zeugen sind schon tot oder für immer verstummt. Nur die, die überleben, können davon erzählen. Der Wolf frisst Geisslein für Geisslein. „Bis auf eines. Eins bleibt übrig, um der Mutter davon zu erzählen. Eins bleibt übrig für die Geschichte“, lauten die letzten Worte des Stücks.
Das Stück kreist um die Frage nach der Fassbarkeit des individuellen und kollektiven Gedächtnisses und der Darstellbarkeit von Geschichte. „Wann werden die Geschichten zur Geschichte? Oder andersherum. Wann wird Geschichte zu einer Geschichte“, fragt Lusine. Themen wie Wahrheit und Lüge, Verdrängung und Erinnerung, Schweigen und Sprechen verweben sich mit dem Schicksal einer armenischen Familie sowie den historischen Ereignissen des letzten Jahrhunderts. Das Stück von Simone Kucher ist eines der Gewinnerstücke der Autorentheatertage Berlin 2018. Kucher lebt nach Stationen in Jerusalem und den USA heute in Berlin. Neben Theaterstücken, die auf internationalen Festivals gezeigt und mehrfach nachgespielt wurden, schrieb sie Hörspiele. Ihre Kurzgeschichten erschienen u. a. im Suhrkamp Verlag.

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