Tim Jentzen
Für mich ist das Publikum der Ausgangspunkt jeder kulturellen Arbeit. Kunst entsteht zwar auf der Bühne, aber ihre eigentliche Wirkung entfaltet sie erst in der Begegnung mit Menschen. Hannah Arendt schreibt in Vom Leben des Geistes: „Da die Menschen in der Erscheinungswelt erscheinen, brauchen sie Zuschauer … Ohne Zuschauer wäre die Welt unvollkommen.“ Dieser Gedanke begleitet mich sehr.
Publikum bedeutet für mich deshalb weit mehr als Auslastung oder verkaufte Plätze. Es geht um Menschen, die sich auf Kunst einlassen, die berührt werden, neue Perspektiven gewinnen und miteinander ins Gespräch kommen. Kultur wird dort lebendig, wo sie nicht nur betrachtet, sondern gemeinsam erlebt wird.
Genau darin sehe ich auch meine Aufgabe als Geschäftsführer der TheaterGemeinde Hamburg. Wir schaffen Zugänge, geben Orientierung und bringen Menschen mit der vielfältigen Kulturlandschaft dieser Stadt in Verbindung. Mich begeistert besonders der Moment, wenn jemand eine Vorstellung entdeckt, die vielleicht vorher nicht auf dem eigenen Radar war, und danach sagt: „Das hätte ich sonst nie erlebt.“ Diese Momente zeigen, warum Kulturvermittlung und Publikumsarbeit so wichtig sind.
Am Ende geht es nicht nur darum, Menschen ins Theater oder Konzert zu bringen. Es geht darum, Räume für Begegnung, Austausch und gemeinsames Erleben zu schaffen. Dafür arbeite ich sehr gerne.
Mich beschäftigt aktuell vor allem die Frage, wie wir die TheaterGemeinde Hamburg zukunftsfähig weiterentwickeln können, ohne das zu verlieren, was sie im Kern ausmacht. Wir stehen vor der spannenden Aufgabe, eine traditionsreiche Kulturorganisation in eine neue Zeit zu führen.
Dabei geht es für mich um mehrere Ebenen: um unsere inhaltliche Ausrichtung, unsere Sprache und unser Erscheinungsbild. Wie erzählen wir heute, wofür die TheaterGemeinde steht? Wie schaffen wir es, Kulturbegeisterung, persönliche Nähe und Orientierung auch in einer zunehmend digitalen Welt sichtbar und erlebbar zu machen?
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Digitalisierung. Sie bietet große Chancen, wenn sie nicht als Selbstzweck verstanden wird, sondern dazu dient, Menschen besser zu begleiten. Digitale Angebote können Prozesse vereinfachen, individuelle Empfehlungen ermöglichen und neue Zugänge schaffen. Gleichzeitig bleibt die persönliche Begegnung für uns unverzichtbar. Die Herausforderung besteht darin, beides miteinander zu verbinden.
Besonders beschäftigt mich auch die Frage, wie wir unser bestehendes Publikum weiterhin begeistern und gleichzeitig neue Zielgruppen erreichen können. Unsere langjährigen Mitglieder sind das Fundament der TheaterGemeinde. Gleichzeitig müssen wir auch jüngere Menschen, neue Hamburgerinnen und Hamburger sowie Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Interessen für die Idee einer Kulturgemeinschaft gewinnen.
Für mich liegt die Zukunft darin, Tradition und Erneuerung zusammenzudenken: die Erfahrung und Verlässlichkeit der TheaterGemeinde mit einer modernen Sprache, einer zeitgemässen Kommunikation und neuen digitalen Möglichkeiten zu verbinden. Am Ende geht es immer um dieselbe Frage: Wie bringen wir Menschen auch in Zukunft mit Kultur und miteinander in Verbindung?
Auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so viel: Ich habe Horn studiert und nach dem Studium relativ schnell aufgehört, selbst professionell als Musiker zu arbeiten. Aber rückblickend hat mein Studium sehr viel mit meiner heutigen Arbeit zu tun.
Ein Musikstudium prägt nicht nur die Fähigkeit, ein Instrument zu beherrschen. Es schult vor allem eine bestimmte Haltung: genau zuzuhören, konzentriert zu arbeiten, mit Unsicherheit umzugehen und immer wieder nach einer besseren Lösung zu suchen. Als Musiker lernt man, dass Qualität im Detail entsteht und dass man gleichzeitig sehr sensibel für andere Menschen und das gemeinsame Zusammenspiel sein muss.
Genau diese Fähigkeiten brauche ich heute in der Kulturorganisation. Der Unterschied ist vielleicht, dass ich nicht mehr selbst auf der Bühne stehe, sondern die Rahmenbedingungen dafür mitgestalte. Kunst zu machen und Kunst zu ermöglichen, liegen für mich näher beieinander, als man zunächst denkt.
Gerade in der Kulturvermittlung und im Management geht es darum, Menschen, Ideen und unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Man muss zuhören können, verstehen, was andere bewegt, und gemeinsam etwas entwickeln. Diese Haltung aus dem Musikerleben begleitet mich bis heute.
Letztlich ist mein Weg deshalb weniger ein Bruch mit dem Studium als eine Weiterführung: Ich habe die Perspektive gewechselt – vom Künstler, der selbst gestaltet, hin zum Kulturmanager, der Räume schafft, in denen Kunst entstehen und Menschen sie erleben können
Aus meiner Zeit als Opernregisseur weiss ich, wie entscheidend ein wohlwollendes Umfeld für kreatives Arbeiten ist. Eine Inszenierung entsteht nie allein. Sie lebt vom Vertrauen zwischen Regie, Sängerinnen und Sängern, Musikerinnen und Musikern, dem Orchester, den Gewerken und dem gesamten Team.
Gerade im künstlerischen Prozess muss es möglich sein, Fragen zu stellen, Ideen auszuprobieren und auch einmal zu scheitern. Nur wenn Menschen sich sicher fühlen, können sie ihr eigenes Potenzial entfalten und wirklich etwas Neues entstehen lassen. Eine gute künstlerische Zusammenarbeit braucht deshalb nicht nur Professionalität, sondern auch Respekt, Offenheit und gegenseitiges Vertrauen.
Diese Erfahrung begleitet mich bis heute in meiner Arbeit als Kulturmanager. Die Aufgabe hat sich verändert: Früher habe ich selbst einen künstlerischen Prozess auf der Bühne gestaltet, heute schaffe ich die Rahmenbedingungen dafür, dass andere ihre Arbeit bestmöglich machen können.
Für mich bedeutet Führung deshalb vor allem, ein Umfeld zu ermöglichen, in dem Menschen Verantwortung übernehmen, ihre Perspektiven einbringen und gemeinsam etwas entwickeln können. Das ist letztlich sehr ähnlich wie im Theater: Die besten Ergebnisse entstehen dort, wo viele unterschiedliche Talente zusammenkommen und sich gegenseitig inspirieren.
Über Altersvorsorge habe ich tatsächlich schon relativ früh nachgedacht. Gerade im Theaterbereich, in dem ich lange gearbeitet habe, war vielen bewusst, dass man sich nicht allein auf die gesetzliche Rente verlassen sollte. Es gehörte fast zur Realität dieses Berufs dazu, früh Verantwortung für die eigene Zukunft zu übernehmen und zusätzlich vorzusorgen.
Gleichzeitig beschäftigt mich heute weniger nur die eigene Altersvorsorge, sondern die viel größere Frage: Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Wenn ich an meine Kinder denke, aber auch an die jungen Menschen, die heute ins Berufsleben starten, frage ich mich schon, welche Veränderungen auf sie zukommen. Werden Menschen tatsächlich bis 70 oder länger arbeiten? Welche Rolle wird künstliche Intelligenz spielen? Welche Berufe werden sich verändern?
Ich bin grundsätzlich optimistisch, dass kluge Menschen Lösungen finden werden. Gleichzeitig sehe ich aktuell noch nicht klar, wie wir gesellschaftlich mit diesen großen Veränderungen umgehen werden und wie wir langfristig gute Modelle für Arbeit, Familie, Gesundheit und Ruhestand schaffen.
Für mich persönlich ist die wichtigste Form der Vorsorge vielleicht auch eine andere: eine gute Balance im Leben zu finden. Wenn Arbeit erfüllend ist, aber gleichzeitig Raum für Familie, Freundschaften, Erholung und Neugier bleibt, kann ich mir vorstellen, lange mit Freude zu arbeiten. Gerade in der Kultur ist die eigene Erfahrung und Perspektive oft ein großer Wert.
Im Moment macht mir meine Arbeit sehr viel Freude, deshalb fällt es mir schwer, mir einen Zeitpunkt vorzustellen, an dem ich bewusst aufhören möchte. Gleichzeitig sehe ich an meinem Vorgänger, dass der Übergang in den Ruhestand auch eine große Erleichterung und ein schöner neuer Lebensabschnitt sein kann. Gerade Führungsverantwortung bringt heute viel Veränderungsdruck mit sich – besonders in einer gemeinnützigen Organisation, die sich gesellschaftlich und strukturell weiterentwickeln muss.
Vielleicht ist der wichtigste Gedanke deshalb nicht, möglichst lange zu arbeiten, sondern so zu arbeiten und zu leben, dass man irgendwann auch guten Gewissens loslassen kann.
