Piero Lombardi
MA Musik, Klassik
Mein Fokus liegt zur Zeit auf der Realisierung und der Gründung eines Ensembles („Mahler Chamber Ensemble“), das mir sehr am Herzen liegt. Das Ziel dieses Projekts ist die Aufführung der Sinfonien von Gustav Mahler in Kammerversion mit mehreren Konzerten unter meiner Leitung im Kanton Waadt, Fribourg und Genf.
Für die Saison 16/17 sind bisher 4 verschiedene Programme mit jeweils mindestens einem Konzert in Lausanne und Genf geplant. Weitere Konzerte in anderen Städten der Suisse Romande sowie eine Tournee in der Schweiz sind ebenfalls im Gespräch.
Das Mahler Chamber Ensemble profitiert im Gegensatz zu herkömmlichen sinfoni-schen Ensembles von seiner kleinen Besetzung und der solistischen Qualität je-des einzelnen Musikers. Je nach Sinfonie sind nur 14 - 29 Ensemblemitglieder (in der Vollversion der Sinfonie besteht das Orchester aus mind. 80 Musikern) auf der Bühne. Dabei handelt es sich um hochmotivierte, hochqualifizierte, junge Instrumentalisten aus der hiesigen Musikszene und den führenden Orchestern der Schweiz und Europas.
Die Unterstützung der Socitété Gustav Mahler de Genève ist für die Realisierung meiner Ideen dieses Projekt betreffend, unerlässlich.
Qualität ist in meinen Augen der wichtigste Punkt einer dirigentischen Tätigkeit.
Nur gut zu sein reicht aber meiner Meinung nicht aus.
Die Erarbeitung eines Werks der klassischen Musik ist unglaublich komplex.
Man kann sich den Prozess ähnlich dem einer Erbauung einer Kathedrale vorstel-len.
Das Endprodukt ist ein Gebäude, das nicht nur aus Stein besteht, sondern vielmehr als Wahrzeichen für Kunst, Glaube, Spiritualität aber auch handwerklicher Arbeit steht.
Einer der wichtigsten Punkte ist die Konzeption, das Wissen und die Kenntnis über die benötigten Materialien, die Physik, die architektonischen Baupläne, die Leistungsbereitschaft und das Können der Arbeiter. Genau so verhält es sich in meiner Vorbereitung als Dirigent. Ohne sich mit dem Orchester auseinandergesetzt zu haben, ohne die Details des Werkes und den Kontext, das Leben, das Schaffen und die Idee des Komponisten zu kennen, würde ich meine eigene Kathedrale auf sandigem Grund bauen.
Doch das technische Know-how, die Perfektion in der Vorbereitung und die Liebe zum Detail reichen nicht aus, um ein Konzert zu einem Erlebnis für mich, die teilnehmenden Musiker und vor allem das Publikum zu machen.
Inspiration, Phantasie, Spiritualität und musikalische Tiefe sind im Moment des Konzerts unerlässlich. In diesem Moment bin ich Künstler, Leiter und Inspirator.
Es ist mir wichtig, dass das Orchester und ich in der Lage sind, alles Erlernte und Technische zu vergessen, um die Essenz der Musik zum Leben zu bringen.
Ich strebe nicht nur nach Qualität oder Perfektion, ich strebe nach Exzellenz.
Der Komponist setzt mit seinem Werk den Maßstab. Ich bin in dem Moment der Spiegel und der Mittler zwischen der bereits komponierten Musik und dem Publikum.
Dieser Verantwortung kann man nicht nur mit guter Qualität entsprechen. Ich glaube fest daran, dass ich auf diese Art und Weise das Publikum und die teilnehmenden Musiker nicht nur befriedigen sondern tief berühren und inspirieren kann. Und genau das macht Musik und meine Rolle als Dirigent für mich aus.
In kurzen Worten stünde da sicher „Musiker / Dirigent“. Denn auf solchen Formula-ren ist oft nicht genügend Platz, um einen Beruf in seiner Ganzheit zu erfassen.
Tatsächlich besteht mein Beruf aber bei weitem nicht nur darin, Musiker und Diri-gent zu sein.
Mein Tätigkeitsfeld erstreckt sich über so viele Ebenen. Natürlich bin ich in erster Linie Musiker, natürlich dirigiere ich Proben und Konzerte. Dazu habe ich aber auch Verpflichtungen in der Administration, in der Organisation, leiste pädagogi-sche und auch soziale Arbeit, leite ein Team, und wie bereits in der vorigen Frage beschrieben, bin ich derjenige, bei dem die Fäden zusammen laufen, der die Mu-sik formt und als Inspirator fungiert.
Ich erinnere mich noch heute an eine Klassenstunde mit meinem Professor Johannes Schlaefli, in welcher er zu uns Studenten in einer philosophischen Art und Weise von der Doppelfunktion eines Dirigenten gesprochen hat.
Einerseits ist ein Dirigent ein Coach, welcher die unzähligen technischen Aspekte in der Arbeit mit einem Orchesters berücksichtigen muss, dazu gehört z. B. das Verhalten des Orchesters, was ein Orchester in verschieden Situationen während der Probe braucht, die Zeiteinteilung etc.
Andererseits ist ein Dirigent aber auch Inspirator, welcher das Orchester mit seiner Persönlichkeit begeistern und inspirieren kann.
Ich bin Johannes Schlaefli für diese Lektion und viele andere sehr dankbar, denn er hat mich auf meinem Weg begleitet, mich unterstützt und immer das Beste in mir gefördert. Ohne seine Hilfe, wäre ich zweifellos nicht dort, wo ich jetzt bin.
Mit Menschen in jeder Situation zu kommunizieren.
Nach sieben Jahren in der Schweiz, eröffnete sich mir die Möglichkeit, in einem anderen Land zu leben, die dortige Kultur kennen zu lernen, mit neuen Menschen zu interagieren und einen neuen Weg in der Musik zu beschreiten.
Dabei wurde ich auch mit mir bis dahin noch unbekannten Problemsituationen konfrontiert, mit denen ich lernen musste umzugehen und einen Weg finden muss-te, mit den betreffenden Personen zu kommunizieren.
Diese für mich bis dahin noch neue Situation hat mich gelehrt, flexibler zu sein und immer zuerst die Kommunikation zu suchen. Eine in meinem Beruf unerlässliche Fähigkeit.
Mich faszinieren Roger Federer’s Eleganz im Spiel, Valentino Rossi’s Leidenschaft und stetig positive Ausstrahlung, Pep Guardiola’s strategische Art und Weise zu trainieren, mit den Fussballspielern zu kommunizieren und der Fakt, dass er die Fußballwelt mit seinen Ideen revolutioniert hat, Anthony Hopkins’ Charisma und Frida Kahlo, die in einer damals von Männern dominierten Welt ihrer Stimme Aus-druck verliehen und immer trotz aller Schwierigkeiten in ihrem Leben für ihre Idea-le gekämpft hat.
Auf persönlicher Ebene hat mich seit meiner Jugend mein Philosophie-Lehrer mit seinem Weitblick, seiner Großzügigkeit, seiner Ruhe und seiner Bescheidenheit inspiriert.
Natürlich ist mein persönlicher Wunsch, meine Karriere voranzutreiben, internationaler zu arbeiten, mehrere Orchester kennen zu lernen und mein Repertoire zu erweitern.
Aber damit wäre nur ein kleiner Teil der Verantwortung gedeckt, die ich als Musikschaffender in heutigen Zeiten habe.
Musik hat schon immer als Kommunikationsmittel gedient, jeder Mensch versteht die 5. Sinfonie von Beethoven, egal ob man sie in Europa, Asien oder in Südamerika spielt. Musik hat die Kraft, Menschen zu verbinden und zu inspirieren.
In Zeiten, in denen Gewalt und Hass immer präsenter in unserem Alltag werden, kann Musik ein Weg sein, dem entgegen zu wirken, Menschen zu einen und zu mehr Verständnis und Akzeptanz beizutragen.
Dass Menschen verschieden sind, kann schwierig sein, aber es beinhaltet auch unglaublich viel Schönes. Die Musik kann eine Brücke zwischen diesen Unterschieden bauen und helfen, gemeinsam eine friedlichere Zukunft zu bilden.
Mir ist wichtig, mich nicht nur musikalisch zu engagieren, sondern mit Musik auch einen sozialen Aspekt zu erfüllen und mich damit für eine bessere Welt einzusetzen. Sei es in Konzerten, in sozialen Projekten, oder in pädagogischer Arbeit, Musik hat eine unglaubliche Macht, die wir nicht unterschätzen sollten.