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FRICTION

BA Theater

An welchem Projekt arbeitest du aktuell?

Wir bespielen aktuell den Nordflügel der Gessnerallee Zürich. Der Nordflügel wird zu einem transdisziplinären Raum für unterschiedliche KünstlerInnen, die zusammen mit uns und den Gästen zwischen den Kunstdisziplinen arbeiten. Das Kollektiv FRICTION agiert, sowohl organisatorisch und kuratorisch, als auch künstlerisch als Gastgeberin des (Begegnungs-) Raumes.

Was heisst für dich „Qualität“ in deiner Disziplin?

Qualität ist sehr subjektiv und spezifisch. Jedes Projekt sollte individuell angeschaut werden. Generell ist es uns jedoch wichtig, dass wir eine konsequente Vision haben und auch vermitteln können, indem das Resultat klar, simpel und zugänglich daherkommt. Uns ist es wichtig, Risiken einzugehen und Neues zu wagen. Wir sprechen in letzter Zeit wiederum auch viel darüber, dass der Zuschauer sich nicht „verloren fühlen“ soll als eine Art Qualitäts-Massstab. Denn je klarer die Idee ist, desto eher erreichen wir unser Ziel, eine unmittelbare Interaktion zwischen Gastgeber und Gästen und zwischen den Gästen zu schaffen.

Was schreibst du, wenn du beim Arzt oder im Flugzeug ein Formular ausfüllen musst, unter „Beruf“?

LEA: Ich schreibe jeweils „Künstlerin“. Allerdings erst, seit ich mein Studium an der ZHdK beendet habe. Früher habe ich mich immer als Studentin bezeichnet. Ich empfinde die kollektive Tätigkeit für und mit FRICTION als meinen Beruf. Wir sehen das alle nicht als Job oder Projekt an, sondern identifizieren uns damit. Das ist neu, und ich halte tatsächlich immer kurz inne beim Arzt und im Flugzeug oder wenn ich sonst wo meinen Beruf angeben muss.

ROBERT: Unsere jeweiligen Nebenjobs, die wir alle machen um Geld zu verdienen, sind allerdings nach wie vor unsere „offiziellen“ Berufe auf Papier, obwohl unsere Arbeit mit FRICTION rein zeitlich unser Hauptberuf ist. Die sich daraus ergebende Diskrepanz von Selbst- und Fremdwahrnehmung kann verwirrend sein. Wir wollen diese Lücke aber immer mehr schliessen und hoffentlich in der Zukunft auch finanziell von der künstlerischen Arbeit leben können.

Von welcher in deinem Studium gelernten Lektion zehrst du bis heute?

LEA: Ich habe von einem Modul mit dem Titel „Szenisch lesen, narrativ Spielen“ (von Jochen Kiefer im Bereich Theater/ Dramaturgie) sehr viel profitiert. In diesem Modul haben wir uns (Regie- und Dramaturgie Studenten) alle zwei Wochen getroffen. Am Anfang stand jeweils das gemeinsame Lesen eines Theatertextes, bzw. eines Ausschnittes davon. Nach der Lektüre haben wir uns, entsprechend geäusserter Interessen, zu kleinen Gruppen à zwei bis vier Studenten zusammengetan. Wir haben anschliessend das Gelesene verschieden interpretiert, z.B. in Form einer Szenischen Lesung oder Performance mit oder ohne Sprache und gegenseitig präsentiert und reflektiert.

Ich habe durch dieses Modul z.B. gelernt, unter Zeitdruck zu arbeiten und schnelle Entscheidungen zu treffen. Auch wenn die schnell getroffenen Entscheidungen oft die falschen sind, ist es als Künstlerin ungemein wichtig, das Treffen von Entscheidungen als Prozess zu erlernen und zu üben. Ich habe in dem Modul auch gelernt, Prioritäten zu setzen, denn nur durch den Prozess des Priorisierens kann man Klarheit und Konsequenz in einer Idee erlangen.

In welchem Bereich hast du seit deinem Studienabschluss am meisten dazugelernt?

Wir haben in vielen Bereichen enorm viel dazugelernt, aber zusammengenommen, haben wir den „echten Künstler- und Kuratorenalltag“ kennengelernt und sammeln die nötigen Fähigkeiten, ihn zu meistern.
Dazugehört die Strukturierung unserer Zeit, individuell und innerhalb der Gruppe. Wir führen schon länger eine gemeinsame Agenda, in der fast alle Termine des Kollektivs drinstehen, auch die privaten. Wir mussten vor allem lernen, unsere Ressourcen einzuteilen und auch mal Pausen einzulegen.

Ein wichtiger, wenn auch manchmal verpönter, Teil des Kulturschaffens ist das Publizieren und Vermarkten von unseren Veranstaltungen. Wir arbeiten dafür eng mit dem Grafiker-Team Badesaison zusammen, und je nach Projekt auch mit anderen GrafikerInnen. Pressetexte schreiben und verschicken, Flyer verteilen, Newsletter betreiben sowie unsere Webseite, und alle Social-Media-Kanäle konstant aktualisieren, gehören zum Publizieren von unseren Veranstaltungen.
Im Perla-Mode haben wir viele „hauswarts-technischen“ Aufgaben erfüllt und somit gelernt, wie man ein solches Haus aufrechterhält durch: Putzen, Streichen, kaputte Böden flicken, Waschbecken ersetzen, Ölheizung rechtzeitig auffüllen etc. Wir haben gelernt, ein altes Gebäude zu pflegen, damit es als Kulturbetrieb einladend bleibt.

In der Gessnerallee lernen wir nun wiederum, innerhalb einer Institution zu arbeiten; frühzeitig zu planen, mit der künstlerischen Leitung und Technik-Leitung richtig zu kommunizieren und doch die Risikofreude nicht zu verlieren.
Essentiell zum Überleben im Kulturbereich ist die Förderung unserer Projekte. Wir haben mittlerweile Übung im Schreiben von Förderanträgen, der Recherche und Kontakt mit Förderstellen. Wir sind grosszügigerweise schon mehrmals vom Kanton und der Stadt Zürich und von verschiedenen Stiftungen unterstützt worden.

Womöglich unsere wertvollste Lektion ist der Austausch mit anderen KünstlerInnen. So sind wir immer wieder mit neuen Perspektiven, Herangehensweisen und Visionen konfrontiert, an denen wir wachsen können.

Welche Persönlichkeit einer anderen Disziplin fasziniert dich?

LEA: Ich bin in der Regel nicht so sehr von öffentlichen Persönlichkeiten fasziniert, sondern eher von Menschen, die ich treffe. Aktuell habe ich, wegen eines neuen Projektes, viel Kontakt mit Politologen und Journalisten. Ich finde es total spannend, mit welchen Fragen die sich beschäftigen – lustigerweise sind es oft ganz ähnliche wie unsere – und finde ihre oft etwas andere, vielleicht pragmatischere Herangehensweise an Probleme, sehr inspirierend.

CAMILLE: Mich interessieren jeden Tag andere Menschen. Momentan fasziniert mich Mykki Blanco, weil ich sein Konzert vor zwei Tagen gesehen habe, und mich seine Energie unglaublich fasziniert hat.

ROBERT: Ich lese gerade ein Buch von Joan Didion, „The Year of Magical Thinking“. Ich finde faszinierend, wie sie allein in dem Buch zwischen Non-Fiktion und Poesie wechseln kann, aber auch sonst in ihrem Oeuvre mit einer Leichtigkeit zwischen Journalismus, Fiktion, Essays und Drehbüchern rangieren kann, die ich bewundere.

In welche Richtung möchtest du dich in Zukunft vermehrt entwickeln?

Wir sind uns als Gruppe stetig am neuerfinden und neupositionieren. Dadurch lernen wir verschiedene Prozesse kennen,z.B. den kuratorischen und den künstlerischen Prozess, und fallen so nicht in eine Routine. Diese konstante Herausforderung spornt die Kreativität an. Gleichzeitig würden wir aber gerne nachhaltige Formate entwickeln, die längerfristig funktionieren und wachsen könnten. Wir forschen auch immer weiter am kollektiven Arbeiten und daran, welche Formen am besten das Potential in der Gruppe und den Individuen fördert.