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Benjamin Burger

MA Design

An welchem Projekt arbeitest du aktuell?

Ich laufe gerade mit offenem Mund durch Berlin, manchmal verschlucke ich Fliegen, manchmal Seifenblasen. Ich befinde mich zurzeit in einer Künstlerresidenz hier. Das tolle daran ist, dass ich diese Zeit nutzen kann, um eben nicht speziell an einem Projekt zu arbeiten, sondern mal wieder ausschweifen darf. Ich suche nach neuen Ansätzen oder grabe Sedimentschichten vergangener Arbeiten auf. Sammelwut. Ich stehe vor einem anwachsenden Haufen Puzzleteile, von denen ich nicht weiss, zu wie vielen Motiven sie sich zusammensetzen lassen.
Natürlich verlangen auch konkrete Dinge meine Aufmerksamkeit, vor allem die Tourplanung meiner bisherigen Stücke. Ich arbeite an einer Neufassung von meinem ersten Stück «Yet Another World» für das Roxy in Birsfelden im kommenden November. «A Lovely Piece of Shit» ist bei den Heidelberger Theatertagen nominiert worden, und auch hierfür bereite ich Proben vor. Und letztlich arbeite ich noch das Konzept meines jüngsten Projekts «0» für die Tournee um.

Was heisst für dich „Qualität“ in deiner Disziplin?

Das Ding ist eben, dass ich mich gar nicht einer Disziplin zuordnen möchte. Ich meine, ich habe «Ereignis» studiert. Wenn man das Leuten erzählt, ist die erste Reaktion: «Hä?». Ich sag dann immer: „Genau“. Das Ereignis muss eben irgendwo zwischen den Dingen passieren. Und so habe ich auch das Gefühl, immer irgendwie dazwischen zu liegen. Die Dinge lieber zu verfehlen, als konkret mit dem Finger darauf zeigen zu können und zu sagen: „Ha!“. Sondern eben lieber: „Hä?“. Insofern ist vor allem die Möglichkeit des Scheiterns eine wichtige Qualität, aber das wiederum mit Präzision: Bewusst ins Leere zu treten und nicht zu stürzen, oder so.

Was schreibst du, wenn du beim Arzt oder im Flugzeug ein Formular ausfüllen musst, unter „Beruf“?

Selbständig

Von welcher in deinem Studium gelernten Lektion zehrst du bis heute?

Wenn‘s nicht geil wird, wird‘s halt scheisse»

Ein Motto, das wir uns in einer Off-Topic Gruppe während des Studiums erarbeitet haben. Wir haben eine Crew aus Leuten unterschiedlicher Disziplinen gegründet (Architekten, Mode- und Grafikdesigner, Eventplaner etc.), die sich in unserem Umfeld befanden, und alle irgendwie störrisch ihrer eigenen Disziplin gegenüberstanden. Wir haben uns «wedomonkey.biz» genannt und unser Hauptquartier in den alten Ateliers der ZhdK am Sihlquai aufgeschlagen. Monkey Business ist eigentlich degradierend gemeint und bezeichnet etwas als „dilettantisch ausgeführt“. Genau das wollten wir. Wir pfiffen auf Standards und wollten zuallererst mal machen. Der Studiengang «Ereignis» war mir für diese Denkweise ein guter Nährboden. Man musste hier ordentlich danebenliegen, sonst kam man nicht weit. Hier griffen eh keine Standards mehr. Ein Ereignis ist streng genommen nämlich nichts, was sich planen lässt. Das ist für einen prinzipientreuen Designer ein unbequemes Paradox. Ich konnte das nur umgehen, indem ich mich von einigen meiner Prinzipien löste. Letztlich befanden wir uns bei «wedomonkey.biz» alle in einem ähnlichen Gemütszustand. Wir begriffen die «Monkeys» als eine Auflehnung gegen die Besserwisserei und Verbohrtheit in unseren Disziplinen. Wir haben viel Affentänze aufgeführt und versucht, uns gegenseitig die Flausen aus dem Fell zu bürsten. Das hat viel geöffnet. Mittlerweile bin ich skeptisch, wenn jemand sagt, man könne das aus Prinzip nicht tun oder irgendeinen Automatismus in seiner Disziplin zur DER Methode erhebt. Deswegen arbeite ich heute vermutlich sehr gerne interdisziplinär. Wenn Disziplinen aufeinandertreffen, fängt jedes Weltbild erst einmal an zu wanken. Indem man z.B. erst einmal über Begrifflichkeiten diskutieren muss, weil sie in den jeweiligen Feldern etwas komplett anderes bedeuten. Ich mag, wenn es derart schwingt, und es kann eben auch leichter fallen. Jenga! «Wenn‘s nicht geil wird, wird‘s halt scheisse.

In welchem Bereich hast du seit deinem Studienabschluss am meisten dazugelernt?

Bevor ich «Ereignis» studiert habe, entwarf ich als Concept-Artist für einen Gameproducer dystopische Fantasiewelten. Mittlerweile leite ich eine freie Theater- Performanceproduktion und mache interdisziplinäre Bühnenstücke, bei denen ich teils als Performer selbst mitwirke. In dieser für mich damals unvorhersehbaren Entwicklung vom Zeichentisch auf die Bühne, liegen schon einige verschlungene Pfade und Geröllfelder. Irgendwie habe ich die Eigenschaft, immer wieder in Selbstüberschätzung in neues Terrain hineinzurennen, um dann festzustellen, dass ich mir zumindest mal hätte etwas anziehen können. Ich habe dann meistens Menschen in die Projekte geholt, die vertrauter in der mir neuen Topographie waren und mich auf die Stolperfallen hinweisen konnten – sei es in Regie, Dramaturgie, im Zuhören, im Politischen, im Sozialen, im Schauspiel, im Organisieren oder auch mal im Loslassen – das waren viele schöne ermutigende Begegnungen. Trotzdem komme ich mir manchmal noch entblösst vor, aber eigentlich ist es ja schön, nicht immer dem Dresscode zu entsprechen.

Welche Persönlichkeit einer anderen Disziplin fasziniert dich?

Ich bin bei meiner Arbeit auf andere Menschen und Persönlichkeiten angewiesen. Darunter begegne ich immer wieder tollen Menschen, die mich faszinieren und auch zum Staunen bringen. Das ist, glaube ich, die Grundlage meiner Tätigkeit. Ich bin anfällig für Faszination. Kürzlich bin ich z.B. auf die Vulkanforscher Maurice und Katja Krafft gestossen. Die beiden waren ein Ehepaar und sind für wissenschaftliche Aufzeichnungen so nah an Vulkaneruptionen und Lavaströme gegangen, wie kaum andere. Die Bilder von ihrer Leichtfüssigkeit gegenüber dieser vernichtenden Urkraft haben mich völlig gelähmt in ihren Bann gezogen.

In welche Richtung möchtest du dich in Zukunft vermehrt entwickeln?

In meiner derzeitigen Residenz erarbeite ich mir neue Tools und Themen für kommende Projekte. Zukünftige Bühnenformate möchte ich z.B. um die Sprache des zeitgenössischen Tanzes erweitern, hierfür belege ich gerade Workshops und lerne neue Leute kennen. Meine Arbeit erforscht narrative Räume, in denen die Zuschauersituation aufgelöst wird und die Zuschauer zu Zeugen/Mittätern von Ereignissen werden. Das Ganze ist eine langwierige Recherche und ich hoffe sehr, damit in Zürich bzw. generell weitermachen zu können und mit anderen gemeinsam Visionen dafür zu erarbeiten.

Zudem möchte ich die transmedialen Möglichkeiten untersuchen, welche die bisherigen Formate bieten. Ich träume schon seit langem von einer narrativen Weiterführung bisheriger Arbeiten als Comic, Roman, Film oder Game. Hierfür habe ich Ideen und Konzepte aber kaum Zeit, sie derzeit umzusetzen. Ich würde also sehr gerne mein Team ausbauen, um simultan an mehreren Dingen arbeiten zu können.