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22.03.2016
Daniel Fueter: Kunst und Politik

Ein Referat in Zitaten zur Mitgliederversammlung der Alumni-Organisation netzhdk vom 21. März 2016, im Toni-Areal

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„Wie nicht wenige unter Ihnen war auch ich bisher der unausgesprochenen Ansicht, die Lektüre eines kulturkritischen Essays sei dem Weltfrieden zumindest nicht abträglich, aber ich habe eben die Seite gewechselt. In der Zeit, die Sie jetzt gerade mit Lesen vergeuden, nimmt das Elend der Welt zu, während Sie nicht das Geringste dagegen tun und sich an der Gespreiztheit der Sätze delektieren.“

Das schreibt Lukas Bärfuss in seinem Vortrag „Stil und Moral“. Zu Beginn eines Referates zum Thema „Kunst und Politik“ sind diese Sätze weder für das Publikum noch den Referenten ermunternd. Sie erinnern mich an die Anfechtungen schon während des Studiums, die ich mit vielen andern Musikerinnen und Musikern bis heute teile: Müsste ich, so wie ich denke, nicht in Afrika als Krankenpfleger arbeiten? Lukas Bärfuss hat den Vortrag 2009 gehalten. Ich werde andere seiner Überlegungen aus neuerer Zeit noch zitieren. Er hat wechselnde Standpunkte eingenommen. Selbstzweifel sind ein Fundament künstlerischer Glaubwürdigkeit.

Wenn Bundesrätin Simonetta Sommaruga kundtun würde, sie hätte, statt in die Politik zu gehen, im Beruf besser auf ihre Klavierausbildung gesetzt, um als Musikpädagogin tätig zu sein (denn sie habe erkannt, dass sich die Welt nicht über politische Manipulationen verändern lasse, sondern höchstens durch die konkrete Arbeit im eigenen Garten), wären wir verblüfft. Und auch wenn sie diese Überlegung bei der nächsten Erst-August-Rede wieder verwerfen würde, hätte ihre Glaubwürdigkeit als Politikerin Schaden genommen.

Sehr geehrte Damen und Herren. „Kunst und Politik“. Es wird viel von Differenzen die Rede sein. Das Thema, das mir ursprünglich gestellt wurde, hiess „Kultur und Politik“. Ich durfte es angesichts der Zeitläufte zuspitzen. Ich danke - und natürlich auch dafür, dass mir hier und heute Gelegenheit gegeben wird, laut nachzudenken. Ich danke auch all den Autorinnen und Autoren, deren Ideenschatz ich zitierend im Folgenden plündere. Meine Zitierwut hat nicht nur den Grund, dass ich mir helfen lassen muss, sondern auch jenen, dass ich der Mär, in der Schweiz tätige Schriftsteller beteiligten sich nicht am politischen Diskurs mit Beispielen entgegnen will.

Kunst und Politik – Ein Referat in Zitaten

Selbstanzeige
Hier steht ein Mann und singt ein Lied
Am Rand der Zeit,
Die ausser Rand und Band geriet –
Macht Rast! Ihr habt’s noch weit ...

Der da staatenlos im Nirgendwo zwischen 1934 und 1944 singt, ist der deutsche Schriftsteller Walter Mehring, der in Zürich, als Emigrant weitgehend vergessen und kaum heimisch geworden, 1981 verstarb. Er zeigt sich an. Er singt ein Lied und fordert uns auf, am Rand der ausser Kontrolle geratenen Zeit zu rasten. Ob Bild oder Skulptur, Film oder Tanz, Gedicht oder Sonate: sie alle beanspruchen Verharren. Wir sollen aus der realen Zeit - und sei es für wenige Augenblicke – in einen eigenständigen Zeitraum treten und uns der Erfahrung, Anschauung, Anhörung widmen.

Verharren. Wer sich gerade mit Kunst befasst, kommt der Welt abhanden, tritt an den Rand, blickt auf den Zeitfluss aus neuer Perspektive, ahnt, wie weit der Weg ist.
Rand. Künstlerisches Arbeiten findet zumeist an den Rändern statt und gestattet einen besonderen Blick auf das, was geht.
Selbstanzeige, immer gepaart mit Selbstzweifel. Es gibt nicht nur für den Schauspieler sondern auch für die Romanautorin keine andere Instanz, Glaubwürdigkeit zu gewinnen, als die eigene Person. Die Selbstanzeige ist der Notwendigkeit, dem Zweifel und der Hilflosigkeit, vielleicht gar Verzweiflung geschuldet.

Kunst und Politik. Die Unterschiede werden offensichtlich. Kunst lädt zum zeitlichen Kontrollverlust in Bezug auf die Agenda ein. Politik stellt sich der Jetztzeit. Kunst führt uns an die Ränder. Politisches Wirken sucht das Zentrum. Kunst muss auf das Ich verweisen. Wir erleben mehr und mehr, wie die politische Kultur gefährdet ist, wenn die Person vor die Sache gestellt wird.

Mehrings zweite Strophe:
Legt nieder eure schwere Last
Am Rand der Zeit,
Singt mit, was Ihr gemeinsam hasst –
Und singt vom Einzelleid ...
Der Dichter sucht Resonanz, Gemeinschaft. Er ist auf sie angewiesen. Auch in seiner Auflehnung, auch in seinem Hass. Und es ist nicht das grosse Ganze, dem er sich widmet, sondern das exemplarisch Einzelne.

Resonanz. Max Frisch formuliert in seiner Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 1958 „Öffentlichkeit als Partner“: „Der erste schöpferische Akt, den der Schriftsteller zu leisten hat, ist die Erfindung seines Lesers.“ Der amerikanische Schriftsteller Richard Ford hat in einem Interview im Tages-Anzeiger vor zwei Monaten deklariert: „Lesen macht die Menschen empathischer, kenntnisreicher, öffnet ihren Horizont, macht sie zu besseren Bürgern und besseren Menschen. So erging es mir, und dazu will ich bei anderen beitragen.“

Gemeinschaft. Im Augenblick des Verharrens will das Kunstwerk einen Moment der Gemeinsamkeit stiften. Das „Fest“ ist für den Philosophen Hans Georg Gadamer neben Spiel und Symbol eines der drei Stichworte, unter denen er über die Aktualität des Schönen nachgedacht hat.

(Die Gedanken Hans Georg Gadamers leuchten mir ein. Ich zitiere ihn zögernd. Er war Mitglied des Nationalsozialistischen Lehrerbundes.)

Einzelleid. Adolf Muschg in einem Interview zum Thema „Rückzug des Intellektuellen aus der Politik“ im Februar 1995 am Schweizer Fernsehen: „Wenn ich in einer Katze nicht das ganze Leid der Welt sehen kann, bin ich ein schlechter Schriftsteller.“

Im Spannungsfeld Kunst und Politik tun sich Verwandtschaften auf. Die Stichworte Resonanz und Gemeinschaft haben mit Öffentlichkeit zu tun. Ich zitiere nochmals aus Frisch’s Rede zur Frankfurter Buchmesse:

„... jedes Kunstwerk ... will, wie monologisch es auch ausfallen mag, jemand ansprechen. Und wenn auch dieser Jemand ... von uns durchaus als Fiktion gemeint ist, so bleibt der Verfasser nicht gefeit vor den Folgen: dass nämlich ein Leser, ein leibhaftiger, sich angesprochen fühlen kann und dass der Verfasser, ob es ihm passt oder nicht, eine Wirkung angetreten und eine gesellschaftliche Verantwortung übernommen hat...“
In einer Demokratie spielen sich politische Prozesse in der Öffentlichkeit ab. Öffentlichkeit ist eine Grundbedingung des Lebens in der Demokratie, das sich im Rahmen von Verfassung und nach den Regeln der Gewaltenteilung abspielt. Für die Politik ist ¨Öffentlichkeit“ ein Faktum, nicht Fiktion. Es werden in der Öffentlichkeit Zustimmung und Mehrheiten gesucht. Wenn Frisch sagt: „Öffentlichkeit als Realität, das ist ja nur eine Art von Partnerschaft, Öffentlichkeit als Fiktion vielleicht die wichtigere.“, ist das politisch betrachtet provokativ.

Mag mancher Sang die Ruhe stör’n
Am Rand der Zeit:
Sie sollen es da drüben hör’n
Dass Ihr vorhanden seid ...

Die vierte Strophe aus Mehrings Gedicht. Der Gesang schafft als Faktum nur sich selbst. Der Zeitraum, den Kunst sich schafft, ist fiktiv. Der Gesang ist zudem nicht auf Zustimmung aus, sondern auf Ruhestörung. Die Minderheit stört vom Ufer aus die Mehrheit, die im Mainstream mitschwimmt. Da mag ein durchaus konkreter politischer Gehalt mitschwingen. Demokratie will nicht eine Diktatur der Mehrheit, sondern die Berücksichtigung der Ansprüche von Minderheiten in Berücksichtigung des Gemeinwohls. Peter Bichsel schreibt Ende der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts in seiner Kolumne „Sind sie für Grönland“:

„... Die Demokratie ... lebt von Verhandlungen, von Annäherungen und Abgrenzungen, von Postulaten und Kompromissen. Sie benötigt zwar in Abstimmungen immer wieder das Ja und das Nein, aber das Ja und das Nein ist nicht die ganze Demokratie... Wählen ist differenzierter als abstimmen. Ist es das wirklich noch? Oder hat eine Partei die Wahlen schon längst zu einer Abstimmung umfunktioniert ...? Und wir wählen vielleicht gar nicht mehr, sondern stimmen nur noch ab – Ja oder Nein.

Dann wäre es auch einleuchtend, dass ein Politiker dieser Partei die Politik und die Politiker beschimpft. Das Volk hätte dann nur noch zum Ganzen, zur Politik und den Politikern, ein für allemal nein zu sagen. Das Modell kennen wir aus der Geschichte. Die Folge wäre, dass das Volk dann später nur noch ein für allemal ja zu sagen hätte.“
Ruhestörung. Wenn die Randständigen singend stören, hat das mit einem bestimmten Demokratie- und einem bestimmten Kunstverständnis zu tun, auch wenn der Gesang vorerst nichts anderes besagt als: wir singen, wir stören. „Ladies and Gentlemen“, sagte Max Frisch 1981 in New York, „Die Funktion der Literatur in der Gesellschaft, meine ich, ist die permanente Irritation, dass es sie gibt.“ Der Künstler Roman Signer im Gespräch mit David Signer:

„Ich muss einfach immer wieder die grundlegenden Fragen stellen. Ich bin weder Handwerker noch ein Intellektueller. Etwas dazwischen – ein Spieler.“

(Randbemerkung: Spiel ist das zweite Stichwort Gadamers zur Kunst.)

„Die Spieler sind in der Schweiz verdächtig. Von mir kann man nicht einmal etwas lernen. Ich bin einfach da. Bin immer noch da. Manche rege ich auf, andere erfreue ich. Einer erzählte mal, er sei in New York in ein Flugzeug eingestiegen, als es aus dem Lautsprecher tönte: Flugkapitän Roman Signer begrüsst sie zum Atlantikflug soundso. Er wollte gleich wieder aussteigen.“

In seinem New Yorker „Manifest“ vom November 1981 präzisiert Frisch einen Aspekt dieser Irritation: „Die POESIE ist zweckfrei. (Schon das macht sie zur Irritation.) Die POESIE ist da oder manchmal auch nicht. (Regierungen sind immer da.) ... Die POESIE unterwandert unser ideologisiertes Bewusstsein und insofern ist sie subversiv in jedem gesellschaftlichen System.“

Die Widersprüche zwischen Kunst und Politik sind auch in der Demokratie gegeben. In anderen politischen Systemen werden sie eklatanter. Die Subversion wird nicht geduldet, in den Untergrund verbannt, bestraft. Adolf Muschg: „Die Disqualifikation des Ästhetischen ist eine barbarische Politik.“ Die Kluft zwischen Politik und Kunst wird zum Machtkampf mit ungleichen Spiessen. Dabei ist diese Ungleichheit nicht nur eine Frage der Mittel, sondern der Ziele.

„Ladies and Gentlemen“, heisst es bei Frisch: „Jede Kollaboration mit der Macht, auch mit einer demokratischen Macht endet mit einem tödlichen Selbstmissverständnis der Kunst, der Poesie.“
Ich kehre zu Frisch’s Manifest zurück -: „Die POSIE ist arrogant. (Sie entzieht sich der Pflicht, die Welt zu regieren.) Die POESIE ist unbrauchbar. (Es genügt ihr, dass sie da ist: als Ausdruck unseres profunden Ungenügens und unserer profunden Sehnsucht.) Die POESIE wahrt die Utopie.“

Tiefer kann der Graben zwischen Kunst und Politik nicht sein: hier Fakt, da Fiktion, Möglichkeit und Machbarkeit contra Unbrauchbarkeit und Unmöglichkeit, Realität im Gegensatz zur Utopie, Macht versus Sehnsucht.

Max Frisch: „Die POESIE findet sich nicht ab (im Gegensatz zur Politik) mit dem Machbaren; sie kann nicht lassen von der Trauer, dass das Menschsein auf dieser Erde nicht anders ist.“ Politik - wenn nicht wörtlich nach Bismarck, so doch in seinem Geiste - wird in diesem Zusammenhang oft harmlos als die Kunst des Möglichen bezeichnet.

Sehnsucht, Trauer. Dafür ist in der Politik kein Platz. Müsste man Kunst als die Behauptung des Unmöglichen verstehen?

Utopie. Adolf Muschg schränkt den Utopiebegriff ein: „Utopie bedeutet, die Dinge, die noch möglich sind zu erforschen, einem Realitätsbegriff, der zur Verdummung führt zum Trotz.“ In der Utopie steckt der Geist des Widerstandes. Trotz.

„Doch ich trat ausser Reih und Glied –
Ja, denn verzeiht!
Hier steht ein Mann und singt sein Lied
Zum Trotz –
Am Rand der Zeit...“

So schliesst das Gedicht, das ich bislang als roten Faden missbrauchte. Der Widerstand gegen Reih und Glied gehört zum ausserordentlichen künstlerischen Schaffen. Ausser der Ordnung, losgelöst von Schreib-Konventionen entstanden Robert Walsers Mikrogramme, den Schreibkrisen abgetrotzt. Im Rahmen eines Ausstellungskataloges kommentiert Lukas Bärfuss 2014 „Blatt 488“, ergründet dessen utopischen Charakter. Er benennt den Januskopf der Kunst (etwas ist da und dann noch ein anderes). Er braucht dafür die Worte: Präsenz und Bewegung. Er nennt auch das Zauberwort, das aus einem Urinal eine Skulptur macht: Verwandlung. Das Drehen der Münze ist der Zaubertrick, der den utopischen Charakter des Kunstwerks aufdeckt.
„Die Schrift ist eine Spur. Die Spur ist der Beweis einer Präsenz und zeichnet gleichzeitig eine Bewegung nach – das ist ihr doppelter Charakter. Die Bewegung ist ein Beweis der Verwandlung. Die Schrift, auf das Papier gezeichnet, ist ein Zeichen der Präsenz in der unausgesetzten Verwandlung des Existierenden, die Schönheit ihres Bildes ist ein Beweis der Menschlichkeit.“

Hans Georg Gadamer redet in diesen „transzendentalen“ Zusammenhängen vom Symbol – es ist sein drittes Stichwort zur Aktualität des Schönen -: Er meint die im alten Griechenland in zwei Teile gebrochene Tonscherbe. Eines der Bruchstücke steckt der scheidende Gast ein. Rückkehrend kann er sich mit seinem Stück zu erkennen geben. In der Fremde erinnert der mitgenommene an den zurückgelassenen Teil, an die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Es ist Bruchstück und doch das Ganze. Präsenz und Bewegung. Die Katze und die ganze Welt.

Ich zitiere aus einem im Januar in der „Zeit“ unter dem Titel „Wie Hoffnung klingt“ erschienenen Artikel von Elisabeth von Thadden, Widerstandskämpferin im Dritten Reich:

„Als er am Ende zu singen begann, warf Barack Obama einen kurzen Blick hinter sich in die Runde der Geistlichen, ob sie diese Verwandlung eines Politikers mittragen würden: dass nämlich der weltliche Präsident der Vereinigten Staaten seine Trauerrede auf den ermordeten schwarzen Pfarrer Clementa Pickney in ein geistliches Lied transformiert ... Amazing Grace ... Die Sehnsucht, sich mit Liedern musikalisch aus der politischen Sphäre zu entfernen und sie erst so neu herbeizusingen, war in Charleston zu hören: als das uralte Lied der Hoffnung auf Anerkennung und Gleichheit.“

In der Politik sind symbolhafte Rituale gängig: Das Niederlegen von Kränzen, das Abgehen der Ehrengarde, das Küssen des Bodens oder der brüderlichen Wange. Willy Brandts Kniefall, Angela Merkels Umarmung eines Flüchtlingskindes, Barack Obamas Gesang bewahrten den utopischen Charakter des Symbols, verwandelten die Gegenwart für den Augenblick des Verharrens und öffneten sie hin zu Vergangenheit und Zukunft.
(Moritz Leuenberger hat als Schweizer Bundesrat den Schwulen Männerchor Zürich aufgeboten, um auf dem Rütli bei einem Staatsempfang zu singen.)

Ich habe vom tiefsten Graben zwischen Kunst und Politik gesprochen. Macht versus Sehnsucht. Gerade angesichts der Schuld, des Elends, des Verbrechens, können ein Lied, ein Bild, ein Vers, eine Geste zum Inbegriff politischen Geschehens werden. Unmissverständlich stellt sich eine Aussage ein, die nicht nur eine Meinung kundtut, sondern eine Haltung.

Im Regelfall reduziert Politik den Gehalt von Symbolen auf Oberflächen, auf medienwirksame Rituale. Was zur blossen Präsenz hinzukommt ist nicht Bewegung auf etwas hin, sondern starre Repräsentation, nicht Öffnung, sondern Einengung, nicht Hinweis, sondern Versteckspiel, keine Verwandlung sondern Feier bestehender (Macht-)Verhältnisse.
In diesen Zusammenhängen wird Kunst – noch einmal Max Frisch in New York: „... zur Affirmation. Zur Dekoration der Macht. Das heisst, sie verkauft ihre Transzendenz.“

Wo Kunst in der Symbolsprache der Politik missbräuchlich „zitiert“ wird, geht es darum, den eh obskuren sakralen Glanz der Kunst verklärend zu missbrauchen und die Idee des Schöpferischen für die Politik zu reklamieren. Es geht um Kitsch nicht um Kunst. Reichskanzler Otto von Bismarck, diesmal Originalton, am 15. März 1884 vor dem Reichstag:

„Die Politik ist keine Wissenschaft, wie viele Herren Professoren sich einbilden, sondern eine Kunst.“ Der zitierte Satz ist eingebettet in eine Breitseite gegen Kritik, an denen offensichtlich die unschöpferischen Wissenschaftler beteiligt waren. Auch in der Schweiz gibt es heute noch Politiker, zum Beispiel Parlamentarier, welche die Klimaveränderung leugnen.

In anderen Zusammenhängen nannte Bismarck die Politik dann doch eine „praktische Wissenschaft“. Politik ist für Bismarck darum Kunst, weil sie sich nicht mit der Theorie begnügt, sondern sich in der Praxis erst realisiert. Und im Praxisbegriff berühren sich Kunst und Politik tatsächlich. Die aus dem Griechischen übernommene Endung –ik in Politik weist auf ein Handwerk, eine Fertigkeit hin. Kunst nannten die Griechen technê, wobei der Begriff vom Handwerklichen ausging und weit gespannt nicht nur angewandte Kunst, sondern auch Rhetorik und die Wissenschaften insgesamt mit einschloss.
Es steht fest, dass in Politik und Kunst Fertigkeiten gefragt sind, dass Erkenntnisse von Erfahrungen begleitet sein müssen. In der Rhetorik ist das Rendez-vous gegeben. Wir alle wissen, dass Peter Bichsel für Bundesrat Willy Ritschard Reden geschrieben hat. Welche Fertigkeiten wären es denn, die seitens der Kunst in die Auseinandersetzung zwischen Kunst und Politik einzubringen wären? Es ist Zeit, nicht nur auf Differenzen und Parallelen der Hauptwörter einzugehen, sondern das verbindende „und“ zu beachten.

In der Kolumne „Eine Schweiz, die siegt“ aus den ersten Jahren dieses Jahrtausends schreibt Peter Bichsel:

„... Die Populisten beherrschen die Kunst des Kurzfutters, sie bedienen mit ihm die kurzfuttersüchtige Presse, sie liefern den einen Satz für das Fernsehen – das Kurzfutter, der Knochen.
Präsident Bush tut es noch und noch. Er setzt Wörter in die Welt, die einmal einen Inhalt hatten: Freiheit, Demokratie – und er benötigt dafür keine Definitionen. Demokratie ist Demokratie, und damit basta.

Die Knochen sind eine einfache Mahlzeit, und Hunde lieben sie. Das ist nicht nur menschenverachtend gegenüber jenen, die akut leiden, es ist auch menschenverachtend gegenüber jenen, denen die Botschaft gilt, dem Volk, der Meute.“

Die Fertigkeit Peter Bichsels beweist sich in seinem Umgang mit der Sprache. Er verteidigt die Sprache unter anderem gegen die Politik. Dazu gehört genaues Hinschauen und Hinhören. Der Anspruch auf Kohärenz und Plastizität äussert sich beim Schreiben im Ringen um die Präzision des Ausdrucks. Das gilt für den Dichter, für die Musikerin, den Filmer, die Tänzerin. Die Lust Peter Bichsels an der Sprache – ob er mit einer Kolumne in den politischen Alltag leuchtet oder eine Kurzgeschichte schreibt – wächst aus dem Staunen über den Reichtum der Sprache und zeitigt ihr gegenüber Sorgfalt.

Im modellhaften Spiel der Kunst, das sich selbst genügt, ist es das Ziel, die Sprache zum Sprechen zu bringen, und diese Sprache kann auch eine Bild-, Bewegungs- oder Klangsprache sein, das Resultat eine dadaistische Performance oder eine Streichquartettkomposition.

Vielleicht ist die Suche nach Wahrhaftigkeit in ihrem Umgang mit der Sprache, auf die Kunstschaffende zu behaften sind, die einzige spezifische Einschränkung ihrer künstlerischen Freiheit. Allfälliges Ungenügen würde dabei nur mit wenig wohlwollender Beurteilung der Qualität und dezidierter Verweigerung näherer Kenntnisnahme bestraft.

„Der Mensch ist Bürger zweier Welten, jener, die ist, und der anderen, die sein könnte.“ sagte Lukas Bärfuss in seiner Rede „Keine Alternative“ zum Writers in Prison-Day 2010. Kraft ihres Berufes sind mit Kunst befasste Menschen sich dieses Doppellebens bewusst. Es ist dies eines der Privilegien, die sie auszeichnen, aber auch verpflichten.

Das Musikgenie Richard Wagner, dessen mangelnde Selbstzweifel auch sein Werk beschädigen, schreibt im März 1864 seiner künftigen Frau Cosima: „Ich bin anders organisiert, habe reizbare Nerven. Schönheit, Glanz und Licht muss ich haben. Die Welt ist mir schuldig, was ich brauche!“ Das Gegenteil trifft zu: wenn von Schulden überhaupt die Rede sein soll, dann höchstens von denen der Künstlerin und des Künstlers der Welt gegenüber.

Im Katalog von Forderungen, die Lukas Bärfuss in „Keine Alternative“ dem eben zitierten Satz folgen lässt, wird auch Literatur und Kunst in die Pflicht genommen, zur Verantwortung gerufen:

„Und wenn wir die Aufklärung retten wollen, das Erbe, das uns gegeben ist, das andere vor uns erkämpft haben, dann haben wir der Macht des Faktischen den Entwurf der Möglichkeiten gegenüberzustellen. Wir brauchen dafür unter anderem Zeitungen, die mehr sind als Investitionsobjekte. Wir brauchen Gespräche über Grenzen hinweg, die mehr wollen, als Vergewisserung der eigenen Privilegien. Wir brauchen Schulen, die in unsern Kindern mehr sehen als humanen Rohstoff. Wir brauchen eine Literatur, eine Kunst, von der wir mehr erwarten können als die zeitweilige Ablenkung von den Zumutungen des Alltags. Wir brauchen mehr von dem Bewusstsein, dass meine augenblickliche Freiheit nur das Gefängnis beschreibt, dem ich noch nicht entflohen bin. Denn frei können wir nicht sein, aber wir können uns befreien.“

Man kann den nachfolgend zitierten Auszug aus einem Artikel von Ruth Schweikert im Tages-Anzeiger vom 28. September 2015 als spiegelbildliche Ergänzung im Sinne einzelner politischer Konkretisierungen dieses Forderungskataloges lesen. Ruth Schweikert denkt über die Schweiz und die Europäische Union als umfassendes Friedens- und Freiheitsprojekt nach, an dem auch die Schweiz teilhabend nicht nur zu verlieren, sondern zu gewinnen und beizutragen hätte:

„sofern es uns gelingt, die Diskrepanz zwischen Realität und Utopie zu entschärfen, die Herausforderungen einer globalisierten Schweiz anzunehmen und den «utopischen Moment» wieder in eine Zukunft zu transferieren, die dann keine Bedrohung mehr wäre, nur das notgedrungen Ungewisse, ein offener Denk-, Imaginations- und Verhandlungsraum, der ebenso über die Landesgrenzen hinausreichte wie die wirtschaftlichen Verflechtungen, und damit auch die Verantwortung von uns Weltbürgerinnen und Weltbürgern schweizerischer Provenienz.“

Adolf Muschg: „Die Schweiz war ein Land mit einer europäischen Dimension.“ Und: „Wir sind Bürger dieser einen einzigen Welt.“

Möglicherweise hallen jetzt Gedanken aus Walter Mehrings Gedicht und anderen Texten nach. Verharren, am Rand. Selbstanzeige und Selbstzweifel. Resonanz und Gemeinschaft. Einzelleid. Ruhestörung. Sehnsucht und Trauer. Utopie und Trotz.

Am Schluss des Essay’s zu Heinrich von Kleist, „Der Ort der Dichtung“, schreibt Lukas Bärfuss: „Die Dichter schaffen keine Orte, sie schaffen Räume, in denen sie sich selbst und wir alle uns verändern können, in der Vorstellung, und manchmal sogar in der Wirklichkeit.“

Kunst und Politik. Ich verzichte darauf, die kleine Auslegeordnung von zitierten Gedanken, die ich dem Referat und mir dankend einverleibt habe, systematisierend zusammenzufassen oder daraus Handlungsanweisungen abzuleiten. Mögen sie in den einzelnen Köpfen der einzelnen Zuhörerinnen und Zuhörer in eigen- und einzigartiger Weise verknüpft werden.

Mir suggerieren die zitierten Überlegungen, dass ein Dialog zwischen Kunst und Politik der Politik um der Differenz der Standpunkte willen wesentliche Impulse geben kann, und dass es zur Verantwortung der Kunstschaffenden gehört, dieses Gespräch zu beanspruchen.

Ich habe zwei Schlüsse anzubieten. Zuerst eine zweite „Selbstanzeige“ Walter Mehrings aus einem „Tagebuch“ vom 21. März 1931, auf den Tag genau also von vor 85 Jahren. Assoziationen an heutige Flugkörper wie Kampfflugzeuge und goldene Fallschirme sind erlaubt.

„Einen Augenblick muss ich Sie stören.
Bitte hören Sie! Es handelt sich, nein, blättern Sie nicht um,
Um einen Lyrikband!
Nein! Er kostet kein Vermögen und kein Vaterland!
2 Mark 50 und 4 Mark gebunden!
Das ist immer weniger noch als eine abgefundene Fürstlichkeit!
Wenn Sie schon den Panzerkreuzer B bewilligen,
Seien Sie doch mal zu diesem billigen
Garantiert unblutigen Opferobolus bereit!“

Der zweite Schluss bezieht sich auf das letzte Stichwort in der Echoliste: „Trotz“. Mehring hat 1934 einen Chansontext „... und euch zum Trotz“ geschrieben. Ich habe keine Vertonung gefunden, also habe ich versucht im Stil der Zeit eine Musik dazu zu schreiben. Der Text wird seine Gültigkeit behalten, auch wenn noch manche Abstimmung gewonnen wird. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit auch für dieses nun folgende Stückchen und Yves Brühwiler, dass er bereit ist, es mit mir vorzutragen.

Dass diese Zeit uns wieder singen lehre
Die guten Lieder eines bösen Spotts
- Selbst wenn uns Herz und Sinn danach nicht wäre –
Nur Euch zum Trotz
(Nur Euch zum Trotz ...!)

Und singen, bis es wider Euch sich kehre
Und einen Keil treibt in den groben Klotz
Und dass es etwas uns die Brust entschwere!
Und uns zum Trost! Und euch zum Trotz ...

Daniel Fueter, zweite Fassung, Zürich 2. März 2016