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Bericht
netzhdk
07.12.2017
Eine Performance nach Skrjabin: die prix-netzhdk Feier 2017

Bei der offiziellen Preisübergabe überraschte Thomas Giger mit einer aussergewönlichen Performance.

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Mit Klavier- und Gong-Klängen, Farb-Explosionen und Weihrauch-Duft entführte der diesjährige prix netzhdk Preisträger Thomas Giger, zusammen mit Tumasch Clalüna und Danny Exnar das Publikum in die Welt von Alexander Skrjabins «Eine vorbereitende Handlung».

Es knallte, es rauchte, es tönte, es war schön!

Vielen Dank an alle Beteiligten für diesen Abend und vielen Dank an den Juror Nik Bärtsch für die wunderbare Laudatio für Thomas Giger:

Lieber Thomas Giger, Liebe Gäste
Ich freue mich im Namen der Jury den prix netzhdk zu überreichen und gratuliere ganz herzlich.
Die fünfköpfige Jury mit Esther Eppstein, Anna Luif, Marc Streit, Patrik Ferrarelli und mir hat unter 17 Eingaben aus den verschiedenen Departementen einstimmig diejenige von Thomas Giger (MA Bühnenbild) ausgewählt.
Im lehrreichen und lustigen Jurierungs-Prozess haben wir u.a. Socken, Songs und Sommerglacés sondiert und durften uns unterhalten, berühren und verstören lassen.
Wir möchten uns daher bei allen Nominierten und deren Departementen bedanken für die Präsentationen und die Lust, Kunst zu produzieren und zu kommunizieren.
Als Kriterium war für die Jury das entschiedene und mutige Einschlagen eines eigenen Weges ebenso wichtige wie die handwerkliche Qualität und die Vernetzung mit PartnerInnen im eigenen Bereich und darüber hinaus. Was Qualität bedeuten kann, möchte ich Ihnen etwas später mit den bemerkenswerten Worten von Thomas Giger selber mitteilen.
Die Wahl fiel letztlich klar auf Thomas Giger. Ausschlaggebend waren die eigene Handschrift und klare Autorschaft, die Fähigkeit sich bei unterschiedlichen Kontexten, Budgetmöglichkeiten und Projektgrössen kreativ und klug einzubringen sowie die Verbindung von solidem Handwerk mit poetischer und innovativer Kreativität und
Kraft. Thomas Giger scheint auch ein verlässlicher, selbständiger und inspirierender Partner in kreativen Teams zu sein. Das beste, was einem passieren kann in einem
Projekt!
Der intrinsische Antrieb von Thomas Giger als künstlerische Persönlichkeit lässt zudem keine Fragen offen. Da ist einer mutig und mächtig am machen. Ich möchte Thomas Giger dazu zitieren, weil mich seine Worte selber inspiriert
haben, als ich seine Bewerbung für den Preis nochmals las:
„Für mich ist Qualität in der Kunst verknüpft mit der Frage nach Distanz. Zentral ist die Verringerung der Distanz zwischen dem „inneren Körper“, (meiner Idee/ meinem
Gefühl), und der eigentlichen materiellen Artikulation der Arbeit, des Werkes selbst. Je kleiner diese Distanz zwischen meinem inneren Körper/Gefühl zu einer Arbeit und
der wirklich eigentlichen Arbeit ist, umso höher werte ich die Qualität.»
Igor Strawinsky hat das mal so formuliert: „Ich bin ein Macher.“ Dabei spielt die Intuition, dieses wunderbare Phänomen eine zentrale Rolle.
Die Jury freut sich, einen Preis an einen Bühnenbildner zu verleihen, der oft nicht im Scheinwerferlicht steht, obwohl er einen wesentlichen und entscheidenden Beitrag zum Gesamtwerk beiträgt. Diese dienenden Funktionen sind in allen Künsten ungeheuer wichtig und strukturierend. Schärfen Sie immer ihre Sinne auch an den scheinbar dienenden Funktionen! Hören Sie zum Beispiel dem Zusammenspiel des Drummers und des Bassisten in einer Band zu statt dem Solisten.
Ich möchte nun zu einer verrückten Antwort kommen, die Thomas Giger u.a. auf die Frage gegeben hat, was eine zentrale Einsicht seines Studiums sei:
„Es ist die Lektion, dumm zu bleiben. Eine Idee kann sich durch Reflektion schnell abnutzen und ich denke, dass Sprache oft auch eine zersetzende Wirkung auf
Schöpfungsprozesse haben kann. Mir sind philosophische Konzepte wichtig, und ich zehre sehr von ihnen, aber einer neuen Idee gegenüber muss ich dumm bleiben. In
der Umsetzung muss ich ganz auf meine Intuition, die Intention und den Schwung der Geste vertrauen. Wenn ich anfange, diese zu stark durch Sprache zu artikulieren,
oder sie zu sezieren, dann geht sie ein. Ich kann dann zwar mit Sprache die Idee erklären, diese in die Sprache überführen, aber es gibt dann für mich eigentlich
keinen Grund mehr, sie Werk werden zu lassen.“
Diesen Abschnitt zeigt den wahren Macher, den Voodoo-Priester der visuellen Geste, den künstlerischen Zenmeister, der die Sprengkraft der klug dosierten Dummheit erkannt hat. Thomas Giger offenbart sich hier – notabene durch einen präzis gewählte Sprache – sprachlos, der Ekstase der Intuition vertrauend. „Dem Schwung der Geste vertrauen“ – das müssen Sie sich merken. Das ist eine essentielle künstlerische Erkenntnis, die als Motto über diesem Gebäude hängen könnte. In der Musik rede ich oft vom Spin, dem Drehmoment einer musikalischen Geste. Wenn dies stimmt, steht das halbe Werk bereits. Denn es hat so ein Potential, dass man danach nicht mehr denken muss, sondern nur noch arbeiten.
Zum Schluss möchte ich den künstlerischen Zukunftswunsch von Thomas Giger zitieren. Denn dieser Preis soll eine Unterstützung und Stärkung für diese Zukunft sein:
«Da ich zurzeit sehr mit Theaterarbeiten beschäftigt bin, wo sich die Autonomie des Einzelnen in Kollektiven oder kollektiv ähnlichen Strukturen auflöst, würde ich mich in
Zukunft gerne wieder vermehrt auf eigenständige Arbeiten konzentrieren. Immer wieder fasse ich Gedanken in installativen Körpern zusammen. Zum Beispiel
in einer Serie mit zweckentfremdeten Alltagsgegenständen, die ich gegenüberstelle. Auch untersuche ich zurzeit in einer fortlaufenden Arbeit das performative Moment der Zeichnung. Dies tue ich in Form von feinen, grossformatigen Schraffuren.»
Grossartig! Aber bitte lieber Thomas Giger: Bleibe uns auch als Mitglied von kreativen Voodoo-Teams erhalten! Wir lieben Deine eigenständige Stimme im
kreativen Kollektiv.


Nik Bärtsch, Zürich 29.11.2017

Hier geht es zu allen Fotos

Die Performance von Thomas Giger, Tumasch Clalüna und Danny Exnar wurde fotografisch festgehalten von Johannes Dietschi @Kommunikation, © ZHdK