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Neuigkeit
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10.10.2017
«prix netzhdk» geht an den Bühnenbildner Thomas Giger. Wir gratulieren von Herzen!

Der mit 10'000 Franken dotierte Förderpreis von netzhdk geht dieses Jahr an Thomas Giger. Die Jury ist fasziniert von Gigers Verbindung von Gigers solidem Handwerk mit poetischer und innovativer Kreativität.

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Thomas Giger (42), Bühnenbildner, kreiert subtile Lichtinszenierungen und ist für das Inszenierungsteam ein einfühlsamer Partner, der mit Raum und Material dem Stoff der Aufführung ein charakteristisches Gesicht gibt. Ausschlaggebend für die Wahl war zudem seine ganz eigene Handschrift und klare Autorenschaft.
Die Jury freut sich, diesen Preis an einen Künstler zu verleihen, der als Bühnenbildner meist nicht im Scheinwerferlicht steht, obwohl er wesentlich zum Gesamtwerk beiträgt.

Herzliche Gratulation. Die Preisübergabe wird Ende November 2017 im Toni-Arela stattfinden. Genauere Informationen dazu folgen hier.

Der «prix netzhdk» für Künste, Design und Vermittlung richtet sich an Abgängerinnen und Abgänger von Bachelor- und Master-Studiengängen der ZHdK. Die Nominierten müssen zwischen drei und fünf Jahre Praxis vorweisen und durch eigenständige, ausserordentliche Leistungen in ihrem Fachbereich aufgefallen sein. Insgesamt wurden dieses Jahr 18 ehemalige Studierende durch die Studiengangs- und Vertiefungsleitungen der verschiedenen Departemente der ZHdK für den «prix netzhdk» nominiert und eingeladen, ihr Dossier einzureichen.

Bericht der Jury prix netzhdk 2017
weitere Informationen zum prix netzhdk und den 17 Nominationen

Interview mit Thomas Giger:


An welchem Projekt arbeitest du aktuell?
Gerade arbeite ich an einer Auftragsarbeit, bei der ich eine größere szenografische Geste für ein altes, römisches Theater in der Schweiz (Augusta Raurica, bei Basel) entwerfe und umsetze. Für eine Produktion des Theaterdiscounters Berlin erarbeite ich zurzeit ein Raumkonzept zu einer Theater-Performance und für ein schweizweites Musiktheater-Projekt bin ich gerade daran, mit den Beteiligten in die Umsetzungsphase überzugehen. In meinem Atelier entwickle ich zudem ständig Objekte und Zeichnungen, die sich eher im Rahmen der bildenden Kunst bewegen.

Was heisst für dich «Qualität» in deiner Disziplin?
Qualität ist gemeinhin zuerst einmal Attribut verschiedener Parameter wie Exaktheit, Veredelung, Präzision usw. Für mich ist Qualität in der Kunst jedoch verknüpft mit der Frage nach Distanz. Zentral ist mir hierbei die Verringerung dieser Distanz zwischen dem „inneren Körper“, (meiner Idee/ meinem Gefühl), und der eigentlichen materiellen Artikulation der Arbeit, des Werkes selbst. Je kleiner diese Distanz zwischen meinem inneren Körper/Gefühl zu einer Arbeit und der wirklich eigentlichen Arbeit ist, umso höher werte ich die Qualität.

Was schreibst du, wenn du beim Arzt oder im Flugzeug ein Formular ausfüllen musst, unter «Beruf»?
Künstler

Von welcher in deinem Studium gelernten Lektion zehrst du bis heute?
Das sind ehrlich gesagt zwei:
Die erste Lektion ist vielleicht die, dass, wenn mich an einem Projekt irgendetwas stört, oder mir auffällig bleibt, ich mein Auge (und natürlich auch meinen Fokus) so lange darauf ruhen lasse und daran arbeite, bis mein Auge darüber hinweggleitet, ohne es zu bemerken. Es gibt für mich in meinen Arbeiten eigentlich keine Fehler, aber es gibt Dinge, die sich nicht mit meinem inneren „Bild“ oder Gefühl einer Arbeit verschränken lassen. Diese nicht zu ignorieren, ist eine wichtige Lektion, die ich gelernt habe.
Die andere Lektion ist es, dumm zu bleiben. Eine Idee kann sich durch Reflektion schnell abnutzen und ich denke, dass Sprache oft auch eine zersetzende Wirkung auf Schöpfungsprozesse haben kann. Mir sind philosophische Konzepte wichtig, und ich zehre sehr von ihnen, aber einer neuen Idee gegenüber muss ich dumm bleiben. In der Umsetzung muss ich ganz auf meine Intuition, die Intention und den Schwung der Geste vertrauen. Wenn ich anfange, diese zu stark durch Sprache zu artikulieren, oder sie zu sezieren, dann geht sie ein. Ich kann dann zwar mit Sprache die Idee erklären, diese in die Sprache überführen, aber es gibt dann für mich eigentlich keinen Grund mehr, sie Werk werden zu lassen.

In welchem Bereich hast du seit deinem Studienabschluss am meisten dazugelernt?
Meine Praxis geht zurzeit immer von theoretischen Axiomen aus, um mich dann den jeweiligen Gegenständen der Arbeiten zu nähern. Das bedeutet aber nicht, dass die Theorie als solche verwertet und sichtbar wird - sie gilt mir vorrangig initial.
Pragmatisch gesehen, habe ich nach dem Studium bemerkt, dass der „Markt“ und seine Logik meine Arbeitskonditionen grundsätzlich beeinflussen. Ich musste mir über die Jahre meine Selbstvermarktung aneignen.

Welche Persönlichkeit einer anderen Disziplin fasziniert dich?
Bei Persönlichkeiten denke ich erst einmal an die Arbeiten neben den Persönlichkeiten. Da faszinieren mich gerade die Arbeiten von Timur Si-Qin und Pamela Rosenkranz sehr. Bei beiden schätze ich die transformative Kraft: Die Art, mit der sie sich die Welt aneignen und diese unverfroren „rückveräussern“. Sie lassen regelmässig in mir ohnmächtige Lücken entstehen, die mich dann auffordern, sie aus mir selbst heraus zu füllen – einen Vorgang, den ich als grösste Mächtigkeit der Kunst empfinde.

In welche Richtung möchtest du dich in Zukunft vermehrt entwickeln?
Da ich zurzeit sehr mit Theaterarbeiten beschäftigt bin, wo sich die Autonomie des Einzelnen in Kollektiven oder kollektiv ähnlichen Strukturen auflöst, würde ich mich in Zukunft gerne wieder vermehrt auf eigenständige Arbeiten konzentrieren.
Immer wieder fasse ich Gedanken in installativen Körpern zusammen. Zum Beispiel in einer Serie mit zweckentfremdeten Alltagsgegenständen, die ich gegenüberstelle.
Auch untersuche ich zurzeit in einer fortlaufenden Arbeit das performative Moment der Zeichnung. Dies tue ich in Form von feinen, grossformatigen Schraffuren.