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Neuigkeit
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07.12.2016
Mittendrin an der prix netzhdk-Preisübergabe am Samstag 26. November
ZHdK, Toni-Areal, Konzertsaal 1

Zusammen mit dem Gewinner des prix netzhdk, Victor Aviat, tauchte das Publikum ins Orchester ein und erlebte eine ganz spezielle Preisfeier.

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Es gehört bereits zur Tradition des prix netzhdk, dass die Feier zur Preisübergabe gemeinsam mit dem oder der PreisträgerIn gestaltet wird.

Der diesjährige Gewinner, Victor Aviat, Dirigent und Musiker, wollte sich selber an diesem Abend einen langgehegten Wunsch erfüllen. Er setzte das Publikum für die öffentliche Probe und das anschliessende Konzert mitten ins Orchester. Jedenfalls sollte für einmal im Konzertsaal keine klassische Einteilung in Orchester und Publikum, sondern ein buntes Durcheinander an MusikerInnen und ZuhörerInnen herrschen. Ein Experiment, das sowohl für das Publikum als auch für die OrchestermusikerInnen neu war. Man sass inmitten der Geigen, schaute den Cellisten direkt über die Schultern oder reckte sich mutig hinter den Bassisten. Andere getrauten sich sogar, einen Platz ganz nahe vor dem Dirigenten einzunehmen.
Die Atmosphäre war von Anfang an locker und familiär. Im ersten Teil des Abends, der öffentlichen Probe, erklärte Victor, wie seine Arbeit als Dirigent funktioniert. Er kommentierte seine Arbeit und demonstrierte, wieviel Fingerspitzengefühl, Psychologie und Taktik es braucht, um das Orchester musikalisch dorthin zu lenken, wo er es haben will. Es zeigte sich aber auch schnell, dass Victors Enthusiasmus und sein gewinnender Charme ihren Teil am Erfolg tragen.
Nach der feierlichen Übergabe des Preises (10'000 Franken) durch Silvia Hofer, Geschäftsführerin von netzhdk, und der Laudatio des Jurymitgliedes Etienne Abelin, folgte dann das eigentliche Konzert. Gespielt wurde Siegfried Idyll von Richard Wagner.

Die öffentliche Probe zeigte ihre Wirkung, denn das Publikum fühlte sich nun schon als Teil des Orchesters und beinahe für das Gelingen mitverantwortlich: man hörte aus der Oboe den Vogelgesang heraus und wusste, warum dieser oder ein anderer Teil nun intensiver klangen.

Beim anschliessenden Apéro nutzten einige die Gelegenheit, mit dem Preisgewinner auf den Preis anzustossen und mit ihm ein paar Worte zu wechseln.

netzhdk wünscht Victor für seine Zukunft weiterhin viel Erfolg und dankt ihm und allen beteiligten MusikerInnen für das aussergewöhnliche Konzerterlebnis.

Fotostrecke auf Flickr von Johannes Dietschi @zhdk

Laudatio von Etienne Abelin (Jurymitglied) für Victor Aviat, Preisträger priz Netzhdk 2016

Lieber Victor, liebe Gäste im Orchester und zwischen dem Orchester: Es ist mir eine grosse Freude, Dir, lieber Victor den prix Netzhdk 2016 zu überreichen!

Vor einigen Wochen sassen wir in der Jury, überwältigt von vielen farbigen Eingaben und hatten die nicht ganz einfache Aufgabe, die Dokumentarfilmmacherin mit dem innovativen Graphikstudio, den Komponisten und Musikkurator mit der Ereignisdesignerin - mit Schwerpunkt "Fleisch" - oder die Elektro-Popsängerin mit dem Theaterpädagogen zu vergleichen. Alles Vorschläge aus den Kunsthochschulen, Kandidaten und Kandidatinnen, die in ihrer Disziplin Herausragendes leisten und zum Teil national aber auch international schon beachtliche Erfolge feiern konnten. Eine schwierige, aber auch ungemein spannende Aufgabe, welche die Jurymitglieder bewegte und zu langen Diskussionen anregte. Die Jury selber setzte sich ebenfalls aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammen: Kunst, Musik, Theater, Design und Film.

Schlussendlich faszinierte uns ganz besonders ein geheimnisvolles Dossier, das uns in die mysteriöse Welt des Dirigierens entführte und je tiefer wir eintauchten, desto grösser wurde die Bewunderung und Begeisterung: wir entdeckten, dass Victor vor seiner Ausbildung zum Dirigenten bereits auf Weltklasseniveau Oboe spielte und sich dann mutig einem neuen Feld - eben Dirigieren - zuwandte. Dass er dies in Zürich an der ZHdK tat ist kein Zufall: viele wissen es nicht, aber die Klasse von Professor Johannes Schläfli ist eine weltbekannte Talentschmiede. Jährlich bewerben sich die international besten jungen Dirigiertalente und rangeln sich um die ein oder zwei freiwerdenden Studienplätze. Ich erlaube mir hier anzufügen, dass vor einigen Jahren aus dieser Talentschmiede beispielsweise auch die junge Dirigentin Mirga Grazinyte hervorging, heute als Chefdirigentin des Birmingham Symphony Orchestras eine der erfolgreichsten Dirigentinnen im Klassikbetrieb - ein richtiger "glass ceiling", der hier – auch dank der Ausbildung an der ZHdK – durchbrochen wurde!

Aber zurück zu Victor: Nach der Ausbildungszeit in Zürich standen für ihn äusserst anspruchsvolle Gastdirigate an: beispielsweise an der Opéra de Lyon mit der Oper "Le Roi Carotte" von Jacques Offenbach - der Wiederentdeckung eines Werkes, das 143 Jahre nicht aufgeführt wurde! - oder ein last-minute Einspringen für einen erkrankten Kollegen beim Berner Sinfonieorchester, drei Tage vor Projektbeginn... Nun geht's weiter zum Bournemouth Symphony Orchestra, wo Victor zum "Young Conductor in Association" berufen wurde. Seit einigen Wochen ist er dort nun verantwortlich für die Education- und Communitykonzerte, ein Bereich der ihm besonders am Herzen liegt. Schon bei dem von ihm gegründeten "Orchestra Zürich" spielte er mit Formen der Konzertpräsentation und Möglichkeiten der Musikvermittlung - und heute haben wir hier ein schönes Beispiel davon gleich selber miterlebt!

Ein Orchester auf hohem Niveau zu dirigieren ist eine geheimnisvolle und äusserst komplexe Herausforderung, die auch Menschen in anderen Bereichen fasziniert: ich erinnere mich an einen Leadership-Kurs an der Universität St.Gallen, den ich vor einigen Jahren besuchte. Mehrere der Dozenten sprachen mich auf die Rolle des Dirigenten beziehungsweise der Dirigentin an - wobei es die St. Galler mit der Gender-Inclusiveness noch nicht so genau nahmen... - und fragten, was denn um Gottes Willen ihre Aufgabe überhaupt sei? Ich denke, Victor gibt uns heute einen sehr schönen Einblick und vielleicht gibt es für die Gesellschaft von dieser Art subtilen Führung als Modell auch das eine oder andere zu lernen...

In den Worten von Victor: "Ich bin als Dirigent eher derjenige, der die anderen zum Schaffen bringt. Meine Disziplin breitet sich über viele andere Bereiche hinaus, wie Psychologie, Gruppen-Coaching, Management, Politik oder Philosophie. Als Dirigent möchte ich zwar Musik machen, ich möchte aber auch Menschen zusammenbringen, die Beziehung einer Kommunität zur Musik pflegen, Programme entwickeln die einen zum Nachdenken bringen und Publikum über Jahre und Jahrzehnte bilden.."

Danke Victor, gratuliere zum prix netzhdk 2016 und auf dass Du von Deiner Warte aus in dieser beunruhigenden und chaotischen Zeit zu eben diesem so wichtigen Beziehungsaufbau zwischen Menschen und dem Entwickeln von vertieften Einsichten in die Musik und die menschliche Natur beitragen kannst.

Etienne Abelin, Zürich, 26. November 2016