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Bericht
netzhdk
05.12.2018
Die prix netzhdk Feier 2018

Vom Undercut bis zum kurzen Bob "das Haar ist gefallen“ und wie!

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Am Freitag, 30. November, fand die Preisverleihung des prix netzhdk 2018 in der Metallwerkstatt im Toni-Areal statt. Der mit 10’000 Franken dotierte Preis wurde an den Designer Fabio Hendry übergeben. Zwischen Maschinen und Werkzeugen hat uns Fabio Hendry einen vertieften Einblick in sein Schaffen gegeben.

Vielen Dank an alle Beteiligten für diesen Abend und vielen Dank an den Juror Patrik Ferrarelli für die wunderbare Laudatio.

Lieber Fabio Hendry
Liebe netzhdk-Alumni
Liebe Freunde der Künste und des Designs
Liebe Damen und Herren

Premieren sind immer etwas Aufregendes. Für mich ist dies die erste Laudatio, die ich halte. Ich stehe hier als Neuling und freue mich über die Ehre, als Vertreter der diesjährigen prix netzhdk Jurie den Förderpreis zum ersten Mal an einen Alumnus aus dem Bereich Design zu überreichen. Und zwar an Fabio Hendry! Was für eine «hair»-liche Premiere!

Die Aufgabe, aus den Werken von 16 KandidatInnen im Bereich Kunst, Film, Schauspiel, Vermittlung, Tanz, Musik und Design auszuwählen, war für uns als Jurie eine echte Herausforderung. Was für ein Einblick in unterschiedliche Universen — und was für eine Qual, so Unvergleichliches miteinander
zu vergleichen. Wir überlegten, wogen ab, hinterfragten, redeten uns die Köpfe heiss und brachten uns um den Verstand bis wir uns (soweit das möglich war) die Haare rauften. Natürlich hatten wir ein paar Kriterien zur Hand, die uns den Weg wiesen. Dazu gehörten:Originalität und Eigenständigkeit, Innovationskraft, Fachliche Qualität, Potenzial, Reichweite (lokal, national, International) und die Anmutung des eingereichten Dossiers. Am Ende stachen die Arbeiten
vierer Kandidaten heraus. Sie faszinierten und beeindruckten uns nachhaltig.
Die Arbeit von Fabio Hendry fiel uns besonders auf. Seine spielerische und experimentelle Art, mit Materialien umzugehen und ihr ungeahntes gestalterisches Potenzial zu verwerten, machte Eindruck. Gleichzeitig kommuniziert, dokumentiert und vermittelt er seine Arbeit in einer sehr klaren visuellen Bildsprache und formal-ästhetisch kohärent zu seinen Designobjekten.
Selbstverständlich lässt sich die Welt auch verbessern, indem man die tausendste Version einer Sonnenbrille, ein futuristisches Fortbewegungsmittel oder einen solarbetriebenen Toaster designt.

Aber was Fabios Arbeiten leisten, geht darüber hinaus. Er beschäftigt sich mit Rest-Nylonpulver aus 3D-Druckern (welches übrigens nicht recycled wird), mit geschnittenem menschlichem Haar oder mit der Beschaffenheit von Stahlwolle. Also eigentlich mit Sachen, die ihren Zweck schon erfüllt haben. Fabio
spürt Materialien nach und er fragt nach Methoden, mit denen diese wieder in den Dienst aller gestellt werden können.

Mit skurrilen Drahtgeflechten, welche Strom leiten können, lässt er Nylonpulver und Sand zu organischen Sitz-Skulpturen erhärten. Die «Twelve Stools Collection» entstand, meine Damen und Herren,
nehmen Sie Platz und lassen sie ihr Haar fallen!

Fabio erkennt ausserordentliches Potenzial: Anhand der schier unendlichen Anzahl Coiffeur-Läden in London, wo Fabio seine Designagentur ilio-Studio betreibt, erstellt er eine erstaunliche Landkarte. Wenn die menschlichen Haare nach dem Coiffeur-besuch, einmal kreuz und quer auf dem Boden liegen, lösen sie ein Gefühl von Befremden, sogar von Ekel aus. Wie abgeschnittene Fingernägel im Lavabo sind sie ein sehr intimes Produkt von uns Menschen.
Fabio erkannte eine brachliegende Ressource, die er clever für alle wieder zu Nutze macht. Er funktionierte Haare zur Drucktinte um und brannte sie in Metalloberflächen ein. Die Muster und Bilder, die dabei entstehen, werten Oberflächen so gut auf, dass sich das V&A (Victoria & Albert Museum) in
London einen kompletten Flur mit seinem «Colour of Hair» bespielen liess. Wow! «Hair»-vorragend!

Aber Fabio hat noch mehr drauf, wie wir herausfanden: Als Mitbegründer, Kurator und Kunstdirektor initiierte er den unkonventionellen Kunstraum «Stalla Libra», einen umfunktionierten Heustall in Sedrun, welcher als öffentliches Spielhaus genutzt wird. Für dieses Projekt mobilisierte er 15 internationale
DesignerInnen und bringt sie für den Umbau in die bündnerischen Surselva. Nebst zahlreichen Kunstevents entsteht eine comicartige Hausmetzgerei, welche sich als Parcours, bestehend aus mehreren Spielen, entpuppt. Zum Beispiel: Darts werfen auf eine schinkenbeinförmige Zielscheibe, Holzknochen
als Bauklötze, Wurstketten als Ringwurfspiel und ein langer Töggeli-Chaschte bei dem feinmotorisches Geschick gefordert wird.

Spielerisch und ernst, experimentell und professionell, Sedrun und London, Frankenstein und Design — Fabio, pendelt nicht nur geografisch hin und «hair».
Gleichzeitig bietet Fabio uns, wie er selbst sagt «eigenartige Neuartigkeiten mit Relevanz» — und das auf jeder Ebene und in jedem Sinn.

lieber Fabio!
Bravo und «Hair»-zliche Gratulation

Patrik Ferrarelli
prix netzhdk Juror 2018


Alle Bilder

Die prix netzhdk Preisverleihung wurde fotografisch festgehalten von Regula Bearth @Kommunikation, © ZHdK