Positionen und Diskurse in den Künsten und im Design

19.10.2020

Toni-Areal, Hörsaal 1, Ebene 3, Pfingstweidstrasse 96, Zürich

mit Gregor Schmoll
Gast: Gregor Schmoll, Künstler, Wien
Titel: «le est un autre». Die Politik des "Ich" als Blick der Anderen - Ein photographischer Diskurs

Again ... Wi(e)derbetrachtungen von Geschichte

Geschichte ist paradox – sie scheint faktisch gegeben, aber nie abgeschlossen. Widerstreitende Betrachtungen und Bewertungen sind der Stoff, aus dem Gegenwart ihre Zukunft generiert. Dem fortschrittsorientierten Geschichtsverständnis setzt Walter Benjamin in seinem berühmten Text «Über den Begriff der Geschichte» (1940) den Gedanken einer nichtlinearen, diskontinuierlichen Zeit entgegen und verbindet damit eine säkularisierte Hoffnung auf Erlösung. Er betont: «Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist auch der Prozeß der Überlieferung nicht, in dem es von dem einen an den andern gefallen ist.» (These VII) – Klimaveränderung, fortdauernden Kolonialismen und Migration, erstarkende Nationalismen und rechtspopulistische Tendenzen gelten als die gegenwärtigen Herausforderungen, die Neubetrachtungen historischer Zeugnisse und Überzeugungen erfordern. Mit Benjamin gesprochen, bleibt es die Aufgabe der Kritik, «die Geschichte gegen den Strich zu bürsten».

Die Vorlesungsreihe «Positionen und Diskurse» möchte mit dem Schwerpunkt «Revisioning ... – als (Ver)Handlungsraum» diesem Geschichtsverständnis für die nächsten beiden Semester folgen und die Wiederbetrachtung als eine kritische Methode historischer Forschung verstehen. In diesem Semester geraten dann zahlreiche künstlerische Verfahrensweise die Geschichte(n) erneut zu befragen in den Blick: Praktiken des Reenactments bewegen sich als Interventionen in Geschichtsbewertungen zwischen restaurativen und kritischen Anliegen. Archive sozialer Bewegungen versammeln Materialien, die von der hegemonialen Geschichtsschreibung nicht beachtet werden. Das Revisioning von Sammlungen anerkennt die nichtabschliessbare Notwendigkeit einer permanenten Neubetrachtung und -bewertung, wie es gerade auch an der aktuellen Auseinandersetzug um ethnologischen Sammlungen deutlich wird. Für das nächste Semester ist eine Fortsetzung der Beschäftigung mit dem Schwerpunkt «Revisioning» geplant, dieses Mal mit einem Fokus auf politisch, gesellschaftliche und kulturelle Auswirkungen.

Gemeinsam mit Gästen aus den Künsten und den Geisteswissenschaften möchten wir die Praktik des «Revisioning» als (Ver)Handlungsraum untersuchen – als Möglichkeit der punktuellen Stillstellung des Geschehens, als Chance einer unterdrückten Vergangenheit.

19.10.2020, 18:00 – 20:00, Eintritt frei

Programm HS 20/21

28.09.
Einführung Sigrid Adorf & Sønke Gau

12.10.
Maria Muhle – »les dieux de la ville, les dieux de la technique, les dieux de la force«. Praktiken der Nachstellung in Jean Rouchs Les Maîtres Fous (Vortrag per ZOOM)

19.10.
Gregor Schmoll – «Je est un autre.» Die Politik des «Ich» als Blick der Anderen – Ein fotografischer Diskurs

26.10.
Nanina Guyer & Michaela Oberhofer – Kuratieren von Kolonialismus: Die Ausstellung «Fiktion Kongo. Kunstwelten zwischen Geschichte und Gegenwart»

16.11.
Eva Meyer & Eran Schaerf – Zeitreisen ins Mögliche oder warum unsere Filme Proberäume für Geschichte sind (Vortrag per ZOOM)

23.11.
Dorota Sajewska – Körper-Archiv. Über Temporalität des Körpers und Materialität des Wissens

07.12.
Mareike Bernien & Alex Gerbaulet – Landschaft als Archiv. Filmische Forschungen zum Uranabbau in der DDR

14.12.
Christa Blümlinger – Der Taumel der Neubetrachtung